Bleiben Sie auf dem Laufenden:  
Schon über 500 Artikel und PDFs  
Newsletter lesen »   



Methoden für autobiografisches Schreiben und Biografiearbeit

Ihre Biografie birgt einen Schatz, nicht nur, wenn Sie diese der Nachwelt hinterlassen wollen. Biografiearbeit und autobiografisches Schreiben helfen Ihnen, sich selbst besser zu verstehen, aus Fehlern zu lernen, Gegenwart und Zukunft bewusster zu gestalten und mit Ihrem Leben ins Reine zu kommen. Dafür gibt es viele, viele Methoden. Hier stelle ich Ihnen überblicksartig einige Ansätze und Zugänge vor.

Viele Menschen schreiben heute autobiografisch. Manche klassisch mit einer Autobiografie oder einem Tagebuch. Andere mit einem reflektierenden, analytischen Ansatz. Wieder andere schreiben nicht, sondern erzählen – beispielsweise der eigenen Familie oder den nächsten Generationen. Auch in Wissenschaft und Forschung sind autobiografisches Schreiben und Erzählen und ist Biografiearbeit immer wichtiger geworden.

Sich mit seinem Leben und seiner Vergangenheit zu befassen kann zum Beispiel helfen

  • seine Erfahrungen weiterzugeben, im Gedächtnis der Nachfolgenden zu bleiben
  • seine Erlebnisse aufzuarbeiten, das Geschehene zu begreifen, aus Fehlern zu lernen
  • sich selbst, sein Verhalten und sein Leben besser zu verstehen, sich besser zu kennen
  • mit diesem Wissen um sich selbst Gegenwart und Zukunft bewusster zu gestalten
  • Gefühle auszudrücken, ein Ventil für sie zu finden, sie zu lindern und zu lösen
  • das Schöne in seinem Leben zu sehen und Dankbarkeit dafür zu empfinden
  • sich mit seinem Leben auszusöhnen und ins Reine zu kommen.

Für dieses autobiografische Tun gibt es viele, viele Ansätze und Methoden. Ich habe einige Kategorien und Beispiele herausgegriffen, um Ihnen eine Vorstellung zu geben, was möglich ist. Wenn Sie das eine oder andere interessiert, können Sie nach weiteren Informationen dazu suchen oder es auf eigene Faust umzusetzen versuchen. Und: Schreiben ist zwar oft das Mittel zum Zweck, aber nur bei wenigem Autobiografischem spielt die literarische Qualität Ihrer Texte eine Rolle. Fühlen Sie sich also ganz frei beim Schreiben. 🙂

Methoden für autobiografisches Schreiben und Biografiearbeit

Wie gesagt, es gibt viele Methoden für autobiografisches Tun. Oft lösen unterschiedliche Methoden auch unterschiedliche Assoziationen und Erinnerungen aus. Sie führen zu anderen Denkweisen und damit auch zu anderen Ergebnissen.

Manchmal kann man dies bewusst steuern. Wenn es Ihnen zum Beispiel eher um konkrete Tatsachen geht, laufen Sie das nächste private oder öffentliche Archiv an. Schreibtechniken fürs Unbewusste lassen Ihre innere Stimme zu Wort kommen. Erzählrunden geben die Möglichkeit zu vertiefendem Feedback. Und Körperübungen beinhalten die Weisheit Ihres Körpers. Schauen Sie, womit Sie arbeiten wollen und was Ihren Zwecken dient. Probieren Sie aber auch gern Ungewohntes aus, machen Sie neue Erfahrungen.

Teil 1: Archivierende Aufzeichnungen

Klassisch biografische Quellen

Dazu gehören beispielsweise alte Abbildungen, Fotos, Dias, Videos, Briefe, Tagebücher, Poesiealben, Schulzeugnisse, Urkunden, Abzeichen und andere Dokumente. Sie bieten Ihnen Faktenwissen, lösen aber auch viele Erinnerungen, Gedanken und Gefühle aus.

Regelrechtes Archivmaterial

Zusätzlich zu den gerade genannten klassisch biografischen Quellen, über die viele Menschen verfügen, gibt es die Sammlungen öffentlicher und privater Archive. Dazu gehören zum Beispiel städtische und kirchliche Aufzeichnungen wie Melde- und Taufregister, Zeitungs- und Firmenarchive oder Antiquariate. Hier finden Sie weiteres Faktenwissen, über die eigene Lebenswirklichkeit hinaus.

Spezialform 1: Tagebuch schreiben und auswerten

Tagebücher sind einerseits eine klassisch biografische Quelle. Andererseits haben sie auch eine stark emotionale und reflektierende Komponente. Tagebücher können helfen, etwas zu verarbeiten und besser zu verstehen. Sie begleiten bei Krankheiten und Lebenskrisen. Oder sie unterstützen bei Persönlichkeitsentwicklung und der Arbeit an sich selbst. Weiteres dazu lesen Sie zum Beispiel hier: Tagebuch schreiben.

Spezialform 2: Stammbaum und Familienforschung

Interessieren Sie sich mehr für Ihre Abstammung und die Menschen, die Sie vielleicht geformt und geprägt haben? (Vgl. dazu auch: Was hat mich geprägt.) Dann können Sie zum Beispiel Familienforschung betreiben und einen Stammbaum oder sogenanntes Genogramm aufstellen. Eine Teilnehmerin hat auch die Mitglieder ihrer großen, weitverzweigten Familie eingeladen, sich an einem sogenannten Familien-Wiki zu beteiligen. (Ähnlich wie die Wikipedia, mithilfe spezieller Software.)

Teil 2: Weiteres Material aus früheren Zeiten

Weitere Objekte von früher

Es müssen nicht immer schriftliche oder bildliche Dokumente sein wie bei den klassisch biografischen Quellen, um in die Vergangenheit zu reisen. Gebrauchsgegenstände und Objekte beinhalten zwar in der Regel keine Aufzeichnungen. Doch sie verkörpern indirekt oft ihr ganz eigenes Faktenwissen über die Lebensbedingungen vergangener Tage. Und sie lösen natürlich ganz ausgezeichnet weitere Erinnerungen, Gedanken und Gefühle aus. Stöbern Sie auf dem Dachboden beziehungsweise im Keller oder greifen Sie zu Dingen, die Sie an früher erinnern. Altes Kinderspielzeug. Die geliebten Schuhe, die Sie seit zwanzig Jahren begleiten – was haben sie gesehen? Die Muscheln eines früheren Strandurlaubs. Der Schmuck der Oma.

Weitere Orte und Menschen von früher

Auch Orte tragen ihre eigene Geschichte und lassen sich autobiografisch nutzen. Ganz konkret: Wandern Sie beispielsweise beim nächsten Klassentreffen durch Ihre alte Schule. Was erkennen Sie wieder? Welche Erinnerungen werden wach? Oder mental: Versetzen Sie sich in Gedanken an Orte, die wichtig für Sie waren. Beschreiben Sie diese fürs Faktenwissen. Oder lauschen Sie den vielen Geschichten, Gedanken und Gefühlen, die damit verbunden sind. Das Gleiche gilt für Menschen. Wann ist das nächste Familien- oder Freundestreffen? 🙂

Weiteres Kulturgut und Traditionen von früher

Dazu kann vieles gehören: Lieder, Filme, Geschichten, Bücher, Sprichwörter, Gebete, Rituale, Traditionen und so fort. Es erfordert nur ein wenig Aufmerksamkeit, dieses zu erkennen. Die Fernsehserie, die Sie als Kind begeistert gesehen haben – ein gedanklicher Sprung und Sie sind wieder in dieser Zeit. Die Bohnensuppe – die es immer bei Großmuttern gab. Die Krippe, die jedes Jahr wie selbstverständlich unter den Weihnachtsbaum gestellt wird – und von der Sie wissen, dass schon Ihre Großeltern diese besessen haben. Wie mögen diese Weihnachten gefeiert haben? Lassen Sie Ihre Gedanken treiben und Ihr Vorstellungsvermögen arbeiten.

Teil 3: Gezielte autobiografische Texte

Gezielt autobiografische Texte sind eine weitere Möglichkeit, wie Sie sich mit sich selbst, Ihrem Leben und Ihrer Vergangenheit beschäftigen können. Dazu gehören folgende Formen.

Autobiografie: Die bekannteste Form dürfte die Autobiografie sein, die oft von Dienstleistern im Auftrag älterer Menschen geschrieben wird, um im Gedächtnis von Familie und anderen Menschen zu bleiben. Auch dabei erfolgt natürlich noch einmal eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Es besteht die Chance, dieses abzuschließen und ins Reine zu bringen.

Erfahrungs- / Verarbeitungsliteratur: Dann gibt es die Erfahrungs- oder Verarbeitungsliteratur, sogenannte „Wahre Geschichten“ oder Geschichten, die das Leben schrieb. Diese können von Profis für den Markt aufbereitet sein. Oft sind es aber Laien, die auf diese Weise Situationen in ihrem Leben verarbeiten oder Erfahrungen mit anderen teilen möchten. Soll eine größere Leserschar erreicht werden, empfiehlt sich wieder eine professionellere Umsetzung.

Memoiren werden oft von Ghostwritern im Auftrag von Berühmtheiten geschrieben. Portraits und Biografien werden über andere Menschen geschrieben. Etliches Autobiografisches findet auch seinen Weg in die belletristische Literatur wie Roman oder Kurzgeschichte.

Teil 4: Weitere Schreibformen

Bei den Schreibformen dieses Abschnitts geht es, wie schon bei Tagebuch und Co., wieder nicht um die Qualität Ihrer Texte. Schreiben ist hier nur Mittel zum Zweck.

Schreiben fürs Unbewusste

Mit diesen Schreibformen versuchen Sie, tieferliegende, unbewusste Teile von Ihnen selbst zu erreichen. Zum Beispiel können Sie mit einem Free Writing bestimmte biografische Fragen abklopfen und sehen, was Sie dazu an Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen in sich tragen. (Hier finden Sie eine Anleitung dazu: Free Writing.) Mit den Morgenseiten von Julia Cameron können Sie mental „Großreine machen“, bevor Sie in den Tag starten.

Reflektierende Schreibübungen

Kursleiter, Trainer, Coaches, Therapeuten und verwandte Berufe setzen teilweise gern biografische Schreibübungen ein, um über das Schreiben bestimmte Lebensthemen zu bearbeiten. Auch ich mache das. Diese Übungen können zu Faktenwissen führen. Meist geht es aber eher darum, zu reflektieren, zu erkennen und neue Zusammenhänge herzustellen. Dazu finden Sie bei mir, aber auch in der Literatur, viele Anregungen und Ideen.

Teil 5: Weitere Zugänge

Analyse

Bei analytischen autobiografischen Zugängen können Sie einen Stift in die Hand nehmen, müssen aber nicht. Auch hier geht es, wie bei den reflektierenden Schreibübungen, darum, zu erkennen und zu verstehen. Erlaubt ist alles, was dieses unterstützt, sei es Archivmaterial, Bilder, Objekte, Fragen und Diskussionen oder eben schriftliche Auswertungen und Notizen. Auch die Themen sind vielfältig und offen. Sie können nach Weichenstellungen und einem roten Faden in Ihrem Leben suchen. Sie können Ihre Werte früher und heute vergleichen. Sie können mit Jüngeren über die Veränderung von Lesegewohnheiten diskutieren. Und und. Auch hierzu gibt es bei mir, in der Literatur und in der Erwachsenenbildung viele Anregungen.

Erzählarbeit

Gerade viele ältere Menschen erzählen lieber, statt zu schreiben. Erzählcafés, Erzählrunden von Jüngeren und Älteren oder der Austausch mit Zeitzeugen tragen dem Rechnung. Gibt es so etwas in Ihrer eigenen Stadt? Oder wie wär’s mit einem Dia- oder Fotoabend und lustigen Anekdoten in Familie und Freundeskreis? Auch Feedback und Interaktion mit der Gruppe in Kursen oder Seminaren hilft, die eigenen Erinnerungen und Erlebnisse zu vertiefen, konkreter zu sehen oder zu hinterfragen.

Körperarbeit

Der Körper hat seine eigene Weisheit. Im Körpergedächtnis sind noch nach Jahrzehnten die Spuren von Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen gespeichert. Und diese können Sie auch über den Körper abrufen.

Achten Sie öfter bewusst auf Ihren Körper. Verkrampft sich zum Beispiel alles in Ihnen, wenn Sie an bestimmte Menschen denken, mit Konzepten wie dem Leistungsdenken konfrontiert werden oder sich an erlittene Strafen erinnern?

Erwachsenenbildung und Therapie arbeiten mit Aufstellungen / Gruppierungen, Bewegungen oder dem Nachspielen von Situationen.

Schreib- / Mal-Methoden wie Hand- oder Körperkarten versuchen, über die Verbindung zum Körper wieder Assoziationen auszulösen, Erinnerungen, Gedanken und Gefühle abzurufen. Malen Sie dazu zum Beispiel die Umrisse Ihrer Hand oder Ihres Körpers auf Packpapier beziehungsweise lassen Sie sich dabei helfen. Geben Sie Ihren Körperteilen eine Stimme oder rufen Sie sich damit verbundene Erinnerungen ins Gedächtnis. Die Narbe, die Sie an den schweren Unfall erinnert. Die Finger, wie sie Ihren grünen Lieblingsfüller in der Schule hielten.

Natürlich gibt es noch viele weitere Methoden und Zugänge, gerade kreative Techniken wie Malen, Musik oder Theater können sehr ergiebig sein. Halten Sie die Augen offen und Sie werden auf zahlreiche Anregungen stoßen, wie Sie sich biografisch mit sich und Ihrem Leben auseinander setzen können. Ihnen alles Gute dabei.

Kurstipp:

Selbstlernkurs: Schreiben Sie die Geschichte Ihres Lebens

Lesetipps:

Artikel: Tipps für das autobiografische Schreiben
Artikel: Tagebuch schreiben

Literaturtipps:

Herbert Gudjons: Auf meinen Spuren. Übungen zur Biografiearbeit.
Barry Lane: Schreiben heißt sich selbst entdecken

Hans Georg Ruhe: Praxishandbuch Biografiearbeit. Methoden, Themen und Felder.
(Partnerlink zu amazon, kleine Umsatzbeteiligung für mich)

© 2018 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 27.03.18