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„Die Welt ist das, wofür wir sie halten.“ Für diese schöne Redewendung hat das NLP den Begriff der „inneren Landkarte(n)“ geprägt. Ich erkläre Ihnen hier, wie das Modell funktioniert und wie und warum diese Landkarten Ihr Denken, Ihr Handeln und Ihr ganzes Leben beeinflussen und formen.

Eine Bekannte und ich sprachen über Tiere. Ich erzählte, dass meine Katze immer Leckerlies von mir bekommt. Sie warf ein, dass sie Leckerlies nicht gut findet und dass man Tiere nicht bewerten solle. Diese Bemerkung verstand ich zunächst gar nicht.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich ihren Gedankengang nachvollziehen konnte: Tiere sollen etwas Bestimmtes tun. –> Sie werden geprüft und bewertet, ob sie das auch richtig gemacht haben. –> Wenn ja, bekommen sie ein Leckerlie zur Belohnung. (Damit sie dieses Verhalten beim nächsten Mal wiederholen.) Wenn nein, bekommen sie kein Leckerlie.

Was meine Bekannte nicht wusste: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, meine Katze zu „dressieren“ und für irgendetwas zu belohnen. Im Gegenteil, ich schätze ihr unabhängiges Wesen. Nein, meine Katze bekommt immer dann ein Leckerlie, wenn ich mir auch etwas (Leckeres) zu essen hole. Ich fing vor Jahren damit an, um ihr etwas Gutes zu tun. Und jetzt hat sie es sich gemerkt und freut sich darauf. Es zu beenden, wäre eine „Strafe“ für sie.

Wie konnte es zu diesem Missverständnis kommen? Nun, meine Bekannte hatte schlicht eine andere „Landkarte“ zum Thema Leckerlies im Kopf als ich.

Die „innere Landkarte“ oder das „Modell der Welt“

Das Prinzip dahinter ist nicht neu. Ich habe selbst schon häufiger darüber geschrieben, dass „alles im Auge des Betrachters liegt“. Für den einen sind Leckerlies eine Bewertungsmethode, für den anderen einfach eine kleine Freude zwischendurch.

Ich nutze hier mal den schönen Begriff der „inneren Landkarte(n)“ oder des Modells / der Modelle der Welt aus dem NLP (Neurolinguistisches Programmieren), um Ihnen die Sache noch einmal von dieser Seite vorzustellen. Denn wie man sieht, beeinflusst das Ganze schon Kleinigkeiten wie Diskussionen über Leckerlies. Es kann aber auch Ihr Leben im Großen prägen.

Der Ausspruch „die Landkarte ist nicht das Gebiet“ wird auf Alfred Korzybski zurückgeführt, den Begründer der Semantik. Er soll darauf hingewiesen haben, dass das Bild, das wir uns von der Welt und der Realität machen, nicht identisch mit der Welt und der Realität ist. Es handelt sich nur um unsere ganz persönliche „Landkarte“ davon.

Dieser Gedanke wird im NLP als erste Grundannahme fortgeführt: Menschen agieren in der Welt entsprechend ihrer persönlichen geistigen Landkarte(n) von dieser Welt.

Wir brauchen „Landkarten“, um handlungsfähig zu bleiben

Diese mentalen oder geistigen Landkarten gehen auf „Filter“ zurück, die die Evolution sich hat „einfallen“ lassen, um den Menschen angesichts der Fülle an Ereignissen, Informationen, Reizen in der Welt handlungsfähig zu halten.

a) Der Mensch hat gelernt, seine Umwelt nur selektiv wahrzunehmen (sie zu begrenzen) und fokussiert wahrzunehmen (einzelne Elemente anzuvisieren), um keine Ressourcen an überflüssige Informationen zu verlieren, die nicht zu seinem Überleben beitragen.

b) Und der Mensch hat gelernt, sich geistige / mentale Landkarten von seiner Umwelt zu bilden, auf die er instinktiv zugreifen und mit denen er wieder besser überleben kann.

Diverse Wahrnehmungsfilter formen diese „inneren Landkarten“

Diese „Filterung“ hat im Laufe der Entwicklung der Menschheit immer vielgestaltigere Formen angenommen. Wir filtern mittlerweile unsere Umwelt unbewusst zum Beispiel

a) neurobiologisch nach unseren körperlichen Möglichkeiten, Sinnesorganen, individuellen Wahrnehmungstypen und mehr

Jemand, der zum Beispiel sehr visuell denkt (Wahrnehmungstyp), wird ein anderes Verständnis von der Welt haben als jemand, der zum Beispiel blind geboren wurde.

b) kulturell-sozial nach der Kultur, in der wir leben, der Erziehung, die uns geformt hat, der Sprache, die wir sprechen, und mehr

Ein Unterschichtenkind denkt anders über die Welt als jemand aus dem Großbürger-tum. Ja, so jemand lebt schon mental in einer völlig anderen Welt, nicht nur sozial.

c) individuell-persönlich nach den Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben, unseren Werten, Einstellungen und Glaubenssätzen, unserer aktuellen persönlichen Verfassung und mehr

Wenn ich gut gelaunt bin, hat die Welt für mich ein anderes Gesicht, als bei Angst, Ärger oder Schmerz.

d) fokussiert-zielgerichtet nach unseren Zielen, unseren Interessen, unserer Entscheidung für eine bestimmte Denkmethode (wie dem NLP) und mehr

Wenn ich gerade mit dem Gedanken spiele, mich selbstständig zu machen, werde ich überall entsprechende Angebote und Informationen sehen. Vorher waren sie natürlich auch schon da, ich habe sie nur nicht wahrgenommen.

All diese Filter führen dazu, dass buchstäblich keine zwei Menschen dasselbe wahrnehmen. Jeder verfügt über ein Bündel von (Land-) Karten, die ihn die Welt auf ganz individuelle Weise sehen lassen. Und jeder glaubt, dass die Welt so beschaffen ist, wie seine Karten ihm das sagen.

Unsere geistig-mentalen Landkarten haben Vorteile, aber auch Nachteile

Dieser Trick der Evolution, uns das Leben zu erleichtern, hat seine Vorteile, aber auch Nachteile.

Es hat zum Beispiel den Vorteil, dass

  • wir besser vor Informations- und Reizüberflutung geschützt sind
  • wir auf Ereignisse schneller und routinierter reagieren, indem wir unsere dazu passenden „Landkarten“ zu Rate ziehen und abarbeiten
  • wir Energie sparen und sicherer, erfahrener handeln, die Unsicherheiten, Zweifel, Fehler von etwas Neuem vermeiden können
  • wir als soziale Wesen miteinander agieren, unsere Erfahrungen und unser Wissen in Form von „Landkarten“ weitergeben, als Individuum wie als Spezies lernen können.

Es kann aber auch den Nachteil haben, dass

  • wir die aktuelle Situation fehlinterpretieren und „zur falschen Landkarte greifen“
  • unsere Landkarten – wie alle Karten – ungenau, lückenhaft, fehlerhaft, veraltet, voller Vorurteile, falscher Ableitungen oder unzulässiger Generalisierungen sind
  • wir so sehr den Luxus von Landkarten und Routine gewohnt sind, dass wir „kartenloses Neues“ meiden oder uns damit schwer tun
  • es zu Missverständnissen, Problemen oder Konflikten mit anderen Menschen kommt, weil man „die Landkarte für das Gebiet hält“, also seine Sichtweise und Landkarte für die einzig richtige (Wiedergabe der Welt) hält, oder auf völlig anders aussehende Landkarten beim Gegenüber stößt.

Kleines Übungsprogramm für innere Landkarten

Innere Landkarten lassen sich nicht nachweisen und Vertreter des NLP betonen immer wieder, dass es sich um ein Modell, eine Metapher oder eine Analogie (für einen Sachverhalt) handelt. Wenn Ihnen der Begriff Schwierigkeiten macht, können Sie ihn also auch gern austauschen.

Doch egal, wie Sie es nennen, immer geht es darum, dass wir nur unser eigenes Bild von etwas sehen. Wir sehen nur das, was wir selbst – durch Begrenzung, Filterung, Fokussierung – geschaffen haben. Das muss aber nicht für alle und alles gelten.

Für meine Bekannte war klar, dass Leckerlies ein Bewertungsinstrument sind. Das war ihre „Landkarte“, ihr „Bild“. Auf mich traf das nicht zu. Für mich waren Leckerlies eine kleine Freude zwischendurch. Das war meine „Landkarte“, mein „Bild“.

Solche „Landkarten“ bestimmen unser aller Leben, im Kleinen (Leckerlies) wie im Großen (etwa mehr Handlungsmöglichkeiten für Ihr Leben zu sehen). Wir erschaffen uns buchstäblich unsere Welt, damit können wir sie aber auch zu einem guten Teil ändern. Wenn Sie nur diese Tatsache aus meinem Artikel mitnehmen, haben er und ich unser Ziel schon erreicht.

Doch wenn Sie wollen, können Sie auch noch ein wenig üben:

Sich der Landkarten bewusst werden

Machen Sie sich klar, dass Ihre Wahrnehmung begrenzt ist. Das kann durchaus positiv sein. Die Landkarte „Ziel Selbstständigkeit“ hilft Ihnen zum Beispiel, passende Angebote leichter zu sehen. Das kann aber auch negativ sein, zum Beispiel bei neuen, offenen Situationen, für die Sie keine entsprechende Karte – oder Brille – zücken können.

Machen Sie sich klar, dass Ihre Wahrnehmung subjektiv ist. Sie sehen immer vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Landkarten, wahre Objektivität gibt es nicht. Sie können allenfalls versuchen, die Landkarten anderer zu erahnen, sich auf diese einzulassen, nach Schnittmengen zu suchen.

Machen Sie sich klar, dass Sie vor dem Hintergrund von inneren Landkarten denken und handeln. Religionsstreitigkeiten um der wahren Lehre willen sind zum Beispiel genauso überflüssig, wie das blinde Handeln aufgrund einer Karte gefährlich werden kann. Jede Karte muss immer wieder überprüft und aktualisiert werden. Das gilt auch für Ihre geistig-mentalen Landkarten, die hinterfragt und angepasst werden wollen.

Die eigenen Landkarten erkennen lernen

Versuchen Sie, einen Begriff von Ihren Landkarten zu bekommen. Arbeiten Sie an Ihrer Selbsterkenntnis. Welche Denkmuster, Einstellungen, Verhaltensweisen machen Sie aus? Da wir andere oft besser sehen als uns selbst, kann auch der Vergleich mit den Landkarten anderer helfen: Wie verhalten diese sich in einer Situation? Wie denken und urteilen sie? Welche „Landkarten“ können also dahinterstecken? Achten Sie auch immer auf Feedback, dass Sie absichtlich oder unabsichtlich bekommen.

Haben Sie weitere Ideen, wie Sie Ihre inneren Landkarten genauer erkennen können?

Ich selbst erkenne zum Beispiel oft Teile von mir in den Worten und Beschreibungen anderer wieder. Dann denke / „spüre“ ich: Ja, genauso ist das bei mir auch, das trifft zu. Zudem nehme ich seit einigen Jahren eine fast lückenlose „Beobachterrolle“ ein und schaue mir selbst beim Denken und Handeln zu. Schlagworte sind hier Meditation und Achtsamkeit. Und natürlich können Schreiben und Schreibübungen helfen.

Die eigenen Landkarten immer wieder anpassen und aktualisieren

Wie gesagt, auch eine normale Landkarte kann ungenau, lückenhaft, fehlerhaft oder veraltet sein. Zudem gibt sie die Interessen, Schwerpunkte, das Knowhow und den Zeitgeist derjenigen wieder, die sie erstellten. Überprüfen Sie deshalb immer wieder Ihre mentalen Landkarten. Aktualisieren Sie die, die sich als nicht ausreichend erwiesen oder Ihnen sogar Schaden zugefügt haben. Fragen Sie sich zum Beispiel:

„Welche Landkarte hat sich als hinderlich erwiesen?“
„Welche Landkarte war wo warum nicht mehr ausreichend?“
„Mit welcher Landkarte habe ich mir selbst Schaden zugefügt?“
„Wo habe ich Probleme, hinter denen meine Landkarten stecken können?“
„Welche Landkarte musste ich in Reaktion auf Erlebtes wo wie modizifieren?“

Oder im zwischenmenschlichen Bereich:

„Welche Probleme mit Mitmenschen können an abweichenden Landkarten liegen?“
„Welche Missverständnisse können auf Landkarten zurückzuführen sein?“
„Was kann ich zur Lösung dieser Probleme tun?“

Die eigenen Landkarten möglichst offen und flexibel gestalten

Je mehr Details und mögliche Wege Ihre Landkarte aufweist, desto größer ist Ihr Handlungsspielraum. Vielleicht bekommen Sie bei Weg A das, was Sie sich wünschen. Vielleicht aber auch bei Weg B oder C. Wenn Ihre Karte nur einen Weg aufweist, werden Sie nie bemerken, dass Sie auch Alternativen gehabt hätten. Versuchen Sie deshalb immer, Ihre Landkarten mit neuem Wissen zu füttern, von einschränkenden Mustern zu reinigen (Glaubenssätze, Einstellungen, Werte) und möglichst flexibel zu halten.

Hochsensible und Kreative sind hier übrigens im Vorteil, weil sie von selbst mehr Details und Alternativen wahrnehmen. Aber Sie können das auch zum Beispiel mit Kreativ- und Mentaltechniken trainieren. Fragen Sie sich auch gern:

„Welchen Landkarten kann ich wo wie neue Wege hinzufügen?“
„Was kann ich aus den Landkarten anderer für mich lernen?“
„Wie kann ich den Landkarten anderer gerecht werden?“

Und nicht zuletzt:

„Wie kann ich mit dem Wissen um Landkarten allgemein und dem Wissen um meine eigenen Landkarten speziell mein Leben verbessern?“

Also, da wir alle Karten folgen, können wir diese Karten zumindest zum Teil ändern. Versuchen wir’s.

Lesetipps zum Beispiel:

Artikel: Die Muster der Seele: Glaubenssätze erkennen
Artikel: In fünf Schritten Denkmuster und Glaubenssätze ändern
Artikel: Wie ticken Sie? Wie Sie Ihre Metaprogramme und sich selbst ändern.
Kolumne: Alles liegt im Auge des Betrachters: Wahrnehmung und Denken schulen

Literaturtipps zum Beispiel:

Joseph O’Connor / John Seymour, Neurolinguistisches Programmieren

Thomas und Torsten Rückerl, Coaching mit NLP-Werkzeugen
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Aljoscha A. Schwarz / Ronald P. Schweppe, Praxisbuch NLP
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© 2015 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 05.05.15