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Der Konjunktiv

Der Konjunktiv ist vom Aussterben bedroht, viele benutzen ihn heute kaum noch. Doch er kann Ihren Texten auch Eleganz verleihen – oder zu üblen Patzern führen. 😉 In diesem Artikel habe ich mich auf die Spur des Konjunktivs gesetzt: Wann wird er warum wie gebraucht?

Wer diese Webseite häufiger besucht, weiß, ich schreibe Rezensionen. Und immer wieder frage ich mich gerade bei Rezensionen mit ihrer Wiedergabe von fremdem Inhalt und Meinungen: Schreibe ich das jetzt im Konjunktiv? Und wenn ja, was genau schreibe ich im Konjunktiv und wie mache ich das? Grund genug, mich einmal eingängiger mit diesem komplexen Thema zu befassen – das dadurch nicht einfacher wird, dass man, ähnlich wie bei den Zeitformen, in der Alltagssprache eh wieder alles anders macht, als man es eigentlich tun sollte. 😉

Die drei Modi

Im Deutschen gibt es drei Modi oder Aussageweisen. Ein Modus zeigt an, wie wir unsere Aussagen verstanden haben wollen. Ausgedrückt wird der Modus über das Verb. Im Wesentlichen steht der Indikativ für die Wirklichkeit, der Konjunktiv für die Möglichkeit und der Imperativ für den Befehl. Beispiel:

„Lisa hat heute frei.“ – Indikativ, das Mädchen kann die Füße hochlegen.
„Lisa hätte heute gern frei.“ – Konjunktiv, bis jetzt kann sie davon nur träumen.
„Lisa, hab‘ heute mal frei.“ – Imperativ, jemand scheint ihr eine Pause zu gönnen.

Der Sprachpapst Wolf Schneider begeistert sich sogar für den Konjunktiv: Das sei eine ganz erstaunliche Eigenschaft der deutschen Sprache. Ein Fall, nur um zu benennen, was nicht ist, was man gern hätte oder was man lieber nicht gehabt hätte. 😉 Ein Fall als „Auflehnung gegen die Wirklichkeit“, als „destruktive und doch zugleich produktive Energie“.

Wir unterscheiden Konjunktiv I und Konjunktiv II. Für die genaue Bildung verweise ich mal auf einschlägige Grammatikwerke; einige davon finden Sie zum Schluss des Artikels. Hier gehe ich der Frage nach, wie wir den Konjunktiv verwenden – eine Frage, bei der auch deutsche Muttersprachler graue Haare bekommen können.

Der Konjunktiv I

Den Konjunktiv I gibt es:

  • Im Präsens: Lisa sagt, sie schreibe den Text.
  • Im Perfekt: Lisa sagt, sie habe den Text geschrieben.
  • Im Futur I: Lisa sagt, sie werde den Text morgen schreiben.
  • Im Futur II: Lisa sagt, bis morgen werde sie den Text geschrieben haben.

Am häufigsten werden Sie dem Konjunktiv I in der indirekten Rede begegnen. Zudem gibt es ihn noch bei Wünschen, Aufforderungen, einigen festen Wendungen und Ähnlichem mehr.

a) Indirekte Rede

Das, was wir für wahr halten, steht grundsätzlich im Indikativ. Wenn Sie nun in der indirekten Rede über jemand anderen schreiben, haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie verwenden ebenfalls den Indikativ und zeigen damit an, dass Sie mit dem Zitierten übereinstimmen. Oder Sie verwenden den Konjunktiv und zeigen damit an, dass Sie sich einer eigenen Meinung enthalten. Diese Form werden Sie zum Beispiel bei Nachrichten finden, die neutral sein wollen. Beispiel:

„Der Bürgermeister sagt: ‚Das Ziel ist zu erreichen.'“ (Direktes Zitat, Indikativ)
„Der Bürgermeister sagte, dass das Ziel zu erreichen sei.“ (Indir. Rede, Konjunktiv)

Gebildet wird die indirekte Rede in der Regel mit dem Konjunktiv I.

Sollte allerdings der Konjunktiv II schon in der direkten Rede auftauchen, bleibt er auch in der indirekten Rede erhalten. Beispiel:

„Der Bürgermeister sagte: ‚Wir hätten unser Ziel erreichen können, wenn man uns die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt hätte.'“
„Der Bürgermeister sagte, dass sie das Ziel hätten erreichen können, wenn man ihnen die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt hätte.“

b) Weitere Verwendung

Neben der indirekten Rede finden Sie den Konjunktiv I seltener zum Beispiel auch:

  • Bei Wünschen: Möge sie noch lange gesund bleiben. Sie lebe hoch.
  • Bei Aufforderungen: Man nehme ein Pfund Mehl und drei Eier und schlage …
  • Bei mathematischen Aufgaben: Gedacht sei ein gleichseitiges Dreieck …
  • Sowie bei festen Wendungen wie: Es sei denn, dass.

Der Konjunktiv II

Den Konjunktiv II gibt es:

  • Im Imperfekt: Lisa sagte, sie schriebe den Text.
  • Im Plusquamperfekt: Lisa sagte, sie hätte den Text geschrieben.

Der Konjunktiv II beschäftigt sich vor allem mit Irrealem. Er steht zum Beispiel bei:

a) Nicht Wirklichem, aber grunds. Möglichem: Ich hätte morgen frei, wenn …

b) Nicht Wirklichem u. nicht (mehr) Möglichem: Ich hätte frei gehabt, wenn …

c) Im Moment o. gar nicht mögl. Wünschen: Ach, hätte ich doch morgen frei.

d) Hypothetischem u. Vergleichen: Hätte ich Lisas Arbeit, hätte ich morgen frei.

e) Zweifeln: Lisa sagt, sie hätte frei. Oder: Lisa sagt, sie hätte frei gehabt.

Es gibt ihn aber auch zum Beispiel bei höflichen oder vorsichtigen Fragen, Aufforderungen oder Aussagen: Herr Bürgermeister, hätten Sie Lust, sich zur Wiederwahl zu stellen?

Tja, soweit die Theorie und die Norm. Die Crux liegt wie üblich in Praxis und Umsetzung. 😉

Mögliche Probleme 1: Verwechslung von Konjunktiv I und II

Achten Sie darauf, bei der indirekten Rede nicht Konjunktiv I mit Konjunktiv II zu verwechseln. Sonst wird aus der neutralen Wiedergabe im Konjunktiv I „Lisa schrieb, sie habe frei“ ein unterschwelliger Zweifel im Konjunktiv II „Lisa schrieb, sie hätte frei“. Konjunktiv II dürfen Sie nur dann nutzen, wenn Konjunktiv I nicht möglich ist oder – wie beim Konjunktiv I erwähnt – der Konjunktiv II schon in der direkten Rede vorkommt.

Zugegeben, das sind vermutlich Spitzfindigkeiten. Zudem werden die meisten Menschen ihre Zweifel wohl weniger aus dem Konjunktiv als aus dem sachlichen Hintergrund und ihren eigenen Denkmustern beziehen. Auch sprachlich werden wir Zweifel oft noch anders ausdrücken als nur durch den Modus. Trotzdem kann es nicht schaden, diese Regel zu kennen.

Mögliche Probleme 2: Verwechslung von Indikativ und Konjunktiv

a) Übereinstimmung von Indikativ und Konjunktiv I

Leider ist die deutsche Sprache nicht konsequent. In vielen Fällen unterscheidet sich die Verbform eines Indikativs nicht von einem Konjunktiv I. Das gilt vor allem für die erste Person Einzahl sowie die erste und dritte Person Plural. Stimmen beide überein, müssen Sie den Konjunktiv II nehmen. Beispiel:

Nicht: „Lisa und Maria sagten, sie haben frei gehabt.“
Sondern: „Lisa und Maria sagten, sie hätten frei gehabt.“

Das ist dann kein ausgedrückter Zweifel, sondern der unter Probleme 1 genannte Fall, dass der Konjunktiv I nicht möglich ist. (Kein Unterschied zur Indikativ-Form „haben (frei) gehabt“.)

b) Übereinstimmung von Indikativ und Konjunktiv II

Oft unterscheidet sich die Verbform eines Indikativs auch nicht von einem Konjunktiv II; das gilt vor allem für den Indikativ Imperfekt. Um Missverständnisse zu vermeiden müssen Sie in dem Fall mit „würde“ umschreiben. Beispiel:

Nicht: „Lisa studierte gern noch einmal.“ (Hier tat sie es.)
Sondern: „Lisa würde gern noch einmal studieren.“ (Hier möchte sie es.)

Mögliche Probleme 3: Veraltete Konjunktivformen

Etliche Konjunktivformen sind auch mittlerweile so veraltet, dass sie kaum noch einer kennt. Beispiel: Würfe, hülfe, nähme wie in Matthäus 16,26 „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Andere Konjunktive haben mehrere, durchaus nicht minder veraltete Formen. Beispiel: hübe und höbe, stände und stünde, schwämme und schwömme, gewönne und gewänne. Das gilt vor allem für den Konjunktiv II, alte Imperfektformen und unregelmäßige Verben. Diese Formen werden heute meistens wieder durch die Umschreibung mit „würde“ und Infinitiv ersetzt. Beispiel:

„Ich würde häufiger schwimmen, wenn das Wetter besser wäre.“

Mögliche Probleme 4: Veralteter Gebrauch

Bastian Sick beklagte, der Konjunktiv sei vom Aussterben bedroht. Andere Grammatikbücher sprechen eher davon, dass sich die Sprache ständig ändere und der Entwicklung anpasse. Und diese Entwicklung laute nun einmal, zu vereinfachen, was zu vereinfachen geht. Gemeint ist dasselbe: Der Konjunktiv ist im Schwinden begriffen.

a) Die „würde“-Form

Dem Konjunktiv II begegnen wir in der mündlichen Alltags- und Umgangssprache immer häufiger in der „würde“-Form mit Infinitiv. Beispiel:

Statt: „Ich käme gern, wenn …“
Heute oft: „Ich würde gern kommen, wenn …“

b) Der Indikativ bei der indirekten Rede

Der Konjunktiv I der indirekten Rede wird in der mündlichen Alltags- und Umgangssprache immer häufiger durch den Indikativ ersetzt. Beispiel:

Statt: „Lisa sagt, sie habe den Text geschrieben.“
Heute oft: „Lisa sagt, sie hat den Text geschrieben.“

c) Der Indikativ bei bestimmten Bindewörtern (Konjunktionen)

Wird durch Bindewörter deutlich, dass es sich um Wunsch, Möglichkeit oder indirekte Rede handelt, wird der Konjunktiv ebenfalls oft durch den Indikativ ersetzt. Beispiele:

„Der Bürgermeister freut sich, dass er die Wahl gewonnen hat.“
„Lisa grübelt, ob sie noch schwimmen gehen soll.“
„Ein Sieg ist möglich, wenn …“

Mögliche Probleme 5: Dialekte

Haben Sie noch nicht genug? Dann habe ich hier noch eine weitere Ausnahme für Sie: Die Dialekte. Denn dort gehen die Uhren noch einmal ein wenig anders. So soll man nach Bastian Sick zum Beispiel in süddeutschen Dialekten den Konjunktiv umgehen mit „ich tät dir helfen“ statt „ich würde dir helfen“. Und wer weiß, wie es andere Dialekte halten. 😉

Gut, ich hoffe, ich habe alles richtig gemacht. Für meine Rezensionen hätte ich allerdings noch einen Sonderfall anzumelden: Die Aufzählung von Aussagen im Indikativ, wenn deutlich wird, dass es sich um die Aussagen eines anderen handelt. Nun, das ist jedenfalls meine Version. 🙂

Literaturtipps:

Wolf Schneider, Deutsch für Kenner (Partnerlink zu amazon)
Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod Folge 2 (Partnerlink zu amazon)
Matthias Wermke, Deutsche Grammatik für Dummies (Partnerlink zu amazon)
Heike Pahlow, Deutsche Grammatik – einfach, kompakt und übersichtlich
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© 2016 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 31.05.16