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Was macht mich aus: Rollen im Leben

Viele Faktoren beeinflussen unser Wesen und unser Leben. Häufig unterschätzt wird „die Rolle der Rollen“ ;-), die wir in unserem Leben innehaben und bekleiden. Lesen Sie, wie und warum Ihre Rollen für Probleme sorgen können, wie Sie sie hinterfragen und gegebenenfalls ändern.

Viele Faktoren beeinflussen unser Wesen und unser Leben. Häufig unterschätzt wird „die Rolle der Rollen“ ;-), die wir in unserem Leben innehaben und bekleiden. In der letzten Zeit habe ich mich intensiver mit der Rollenthematik auseinandergesetzt, das fließt in diesen Artikel ein. Ich möchte mit ihm in erster Linie auf Zusammenhänge und mögliche Probleme hinweisen. Die Übung am Schluss soll Ihnen zeigen, wie Sie Ihre Rollen besser erkennen, hinterfragen und gegebenenfalls ändern. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Achten Sie bei „Reibungen“ im Leben auch auf die beteiligten Rollen, es lohnt sich.

Was sind Rollen?

Jeder Mensch bekleidet im Lauf seines Lebens viele verschiedene und auch immer wieder neue Rollen.

Das fängt schon in der Kindheit an: Die Geburtenfolge hat Einfluss darauf, ob wir uns wie typische pflichtbewusste Erstgeborene oder wie das verwöhnte Nesthäkchen verhalten oder aber die Muster von Einzelkindern ausbilden. Wir werden durch die Rollen und Vorstellungen der Erwachsenen geprägt, übernehmen diese auch für uns oder wenden uns, zum Beispiel in der Pubertät, ganz bewusst von ihnen ab. Und natürlich bilden wir auch eigene Rollen aus oder wandeln die übernommenen ab, je nachdem, welchen Erfolg oder Misserfolg wir mit ihnen haben. Wird zum Beispiel „die Helferin“ für ihre Hilfsrolle belohnt, macht sie immer wieder gute Erfahrungen damit, wird sie sie beibehalten. Macht sie hingegen schlechte Erfahrungen, wird sie die Rolle umgestalten oder eine andere Rolle annehmen.

Im Berufsleben geht’s dann weiter: Tätigkeiten wie Tischlerin oder Lehrer bilden eine Rolle mit bestimmten Anforderungen und Verhaltensweisen genauso wie Funktionen wie „der Auszubildende“ oder „die Vorgesetzte“. Verhält sich jemand nicht so, wie es seine oder ihre Rolle erfordert, kann das zu Problemen führen. Fehlt es „der Vorgesetzten“ zum Beispiel an Autorität, kann sie ihre Mitarbeiter verunsichern, zum Aufstand verleiten oder schlicht ineffektiv führen.

Auf diese Weise sammeln wir im Leben immer mehr Rollen an. Manche geben wir wieder auf, andere bekleiden wir weiter. Wir sind Tochter oder Sohn, Mutter oder Vater, (Ehe-) Partner, Freund, Bekannter, Nachbar, Mieter, Vereinsmitglied, Clubangehörige, die gute Seele der Familie, im Komitee der Nachbarschaftshilfe, Lead-Sänger einer Band oder Segel-Fan. Und wir sind Heilpraktikerin, selbstständig, Netzwerk-Angehörige, Ausbildender, Arbeitskollege oder Teil der Prüfungskommission.

In der heutigen Welt der Medien und Selbstdarstellung kommen weitere Rollen hinzu oder werden die vorhandenen noch hingebungs- und ausdrucksvoller gelebt. Die Identitäten, die wir in den sozialen Netzwerken haben, können mit uns zu tun haben, müssen aber nicht.

Viele Rollen in unserem Leben machen einen Teil unserer Persönlichkeit aus, es gibt eine Wechselwirkung zwischen Rolle und Persönlichkeit. Medien und soziale Netzwerke führen aber auch dazu, dass wir immer stärker zum Beispiel von Film und Fernsehen vorgelebte Rollen übernehmen oder gänzlich fiktive Rollen erfinden.

Und nicht zuletzt sind wir in unseren Rollen nicht isoliert, sondern bekleiden diese sehr häufig in Wechselwirkung zu den Rollen anderer: Beim Arzt werden wir zum Patienten, bei unseren Eltern werden wir immer auch ein Stück weit Kind bleiben und uns so verhalten.

Vorteile von Rollen

Viele Rollen bekleiden wir einfach so, ob wir wollen oder nicht, und ob das einen Vorteil für uns hat oder nicht. Manche Rollen übernehmen wir, wie gesagt, weil wir damit im Leben gute Erfahrungen gemacht haben. Solche „Lebensstrategien“ wiederholen wir unreflektiert solange, bis wir damit Probleme bekommen. Weitere Vorteile von Rollen können sein:

  • Relativ eng definierte Rollen geben Sicherheit und Orientierung; die zugehörigen Verhaltensmuster können wir erlernen und uns darin „ausruhen“, das spart Energie.
  • Manche Rollen erlauben uns, bestimmte Teile unserer Persönlichkeit zu leben, wir wählen sie bewusst oder unbewusst als Ausdruck unseres Selbst. Das tut gut, wir fühlen uns wohl. Beispiel: Ein Mensch, der Dominanz braucht und Berufsrollen sucht, die ihm diese erlauben, wie etwa Manager, Vorgesetzter, Arzt, ggf. auch Lehrer usw.
  • Rollen bereichern das Leben. Was wäre das Leben, wenn ich nur Mutter, aber nicht auch Freundin, Partnerin, Nachbarin, Netzwerkerin wäre? Was, wenn ich nur Manager, aber nicht auch Träger eines Ehrenamts, Vater, Sohn und Modellbauer wäre? Es ist doch die Vielfalt, die uns zu reiferen Menschen macht und dem Miteinander und Gemeinwohl gut tut.

Mögliche Probleme von Rollen

Rollen bergen aber auch diverse Risiken und Gefahren.

Grundsätzlich besteht natürlich immer die Gefahr, dass wir um die Thematik gar nicht wissen, die Mechanismen nicht kennen und deshalb blind in diverse Fettnäpfchen tappen – oder Schlimmeres. Weitere Probleme können zum Beispiel sein:

1. Sein Ich nicht (mehr) kennen
Achten Sie darauf, zwischen sich selbst und Ihrer jeweiligen Rolle unterscheiden zu können. Sonst verlieren Sie Ihr Ich und das Wissen um sich selbst, Ihre Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse – und nicht zuletzt das Wissen um die Rollen, die Ihnen gut tun.

2. (Fiktive) Rollen ungut übernehmen
Viele Menschen definieren sich (zu) sehr über von außen herangetragene Rollen. Heute sind die Träger oft Film, Fernsehen, soziale Medien, früher waren es Tradition, Gesellschaft und Kirche. Da sie das oft blind tun und die Rollen dahinter nicht (mehr) erkennen, kann das zu unguten Stereotypen genauso führen wie zu überzogenen oder unguten Erwartungen an sich selbst und die Beziehungspartner. (Beziehungen aller Art.)

Auch die Geschlechterrollen sind auf diese Weise entstanden und werden so weitergegeben: Männer haben so zu sein, Frauen so. Seit einiger Zeit ist zwar Bewegung in diese Aufteilung gekommen. Dennoch engt sie beide Geschlechter weiterhin ein und lädt den Frauen überdies mit der heutigen Mehrfachrolle / –verantwortung für Haushalt, Partnerschaft, Kinder, Pflege von Angehörigen sowie Beruf und Karriere massive Lasten auf. Es fehlt die Akzeptanz und Machbarkeit von ganz individuellen Rollenmodellen.

Achtung: Hochsensible übernehmen als „Meister der Anpassung“ oft Rollen, die nicht die ihren sind, weil sie spüren, dass der andere das braucht.

3. Ungute Rollen übernehmen
Angesichts unserer Neigung, in bestimmte Rollen zu fallen oder uns in diese drängen zu lassen, besteht auch immer die Gefahr, für uns ungute oder allgemein ungute Rollen unreflektiert zu übernehmen: Den Prügelknaben, den Klassenclown, den Außenseiter, die Streberin, die Retterin, die High-Society-Dame und so weiter.

4. Mit Rolle unglücklich sein
Achten Sie ebenfalls darauf, dass Ihre Rollen zu Ihrer Persönlichkeit und Ihren Werten passen. Sonst bekleiden Sie vielleicht bestimmte Rollen, werden darin aber unglücklich oder sogar krank. Wenn Sie zum Beispiel nicht zum Verkäufer geboren sind, wird Sie der Vertrieb nicht ausfüllen oder sogar Ihrer Gesundheit schaden, und die aufopfernde Vereinsvorsitzende kann an den Belastungen dieser Rolle zugrunde gehen.

5. Von Rolle vereinnahmt werden
Eine Rolle kann auch zu sehr vereinnahmen: Das potentiell bunte, vielschichtige Wesen eines Menschen geht vielleicht in den Anforderungen einer Politikerrolle unter, oder frau verliert vielleicht den Großteil ihrer Persönlichkeit in der Mutterschaft. Daneben kann eine Rolle Sie natürlich auch zeitlich voll und ganz in Beschlag nehmen.

6. Von Rolle eingeengt werden
Menschen entwickeln sich weiter, das Umfeld verändert sich: Aus beruflichen Rollen können Sie herauswachsen – der nächste Karrieresprung oder zumindest eine Veränderung wäre jetzt fällig. Das Gefüge privater Rollen kann nicht mehr stimmen – vielleicht sind Sie selbstständiger geworden und brauchen den oder die starke(n) Partner(in) nicht mehr, die Beziehung gerät in Schieflage, wenn die Rollen nicht neu austariert werden (können). Das Gleiche gilt natürlich für Beziehungen aller Art oder zum Beispiel für über lange Zeit gewachsene Familien-Systeme.

7. Rollen ungut abfärben lassen und mischen
Achten Sie darauf, Ihre Rollen auseinanderzuhalten: Wenn Sie die Vorgesetzte nicht klar von der Partnerin abgrenzen, wird das der Partner vielleicht nicht witzig finden. Wenn der Vater auch der nette Kumpel sein möchte, wachsen die Kinder ohne notwendige Grenzen auf.

8. In Rollen nicht zueinander passen
Menschen müssen in vielen Dingen zueinander passen, wenn sie miteinander klarkommen wollen, auch in ihren Rollen. Zum Beispiel wird sich der Arzt, der sich diesen Beruf unbewusst gesucht hat, um dominieren zu können, mit einem Patienten schwer tun, der mitreden und –entscheiden will. Beide brauchen ein anderes Rollen-Gegenüber. In einem anderen Fall kann man mit einem Menschen in seiner einen Rolle gut harmonieren, in einer anderen nicht.

9. Rollen ungut ausfüllen
Auch das gibt es: Achten Sie darauf, Rollen nicht auf eine bestimmte Art und Weise zu leben, nur weil Sie glauben, dass das so sein muss. Ein Vorgesetzter muss kein autoritärer Antreiber sein und eine Mutter keine „Helikopter-Mama“, die nur um ihren Nachwuchs kreist. 🙂

10. Zu viele Rollen haben
Der Zeitmanagement-Experte Lothar J. Seiwert weist zu Recht darauf hin, dass wir oft nicht zu wenig Zeit haben, sondern eher zu viele Rollen – er nennt sie Lebenshüte. Nicht die Masse macht’s, sondern die Qualität. Manchmal ist es sinnvoll, Rollen ganz bewusst abzulegen.

Rollen wandeln sich

Wie gesagt, jeder bekleidet in seinem Leben ganz verschiedene und immer neue Rollen. Rollen können Sicherheit und Orientierung geben, aber auch zu eng werden. Wenn sich Ihre Persönlichkeit ändert, müssen sich Ihre Rollen anpassen oder Sie brauchen neue. Das Gleiche kann der Fall sein, wenn sich Ihr Leben und Ihr Umfeld ändern. Manche Rollen werden Sie sich vielleicht auch bewusst oder unbewusst suchen, weil Sie spüren, dass Sie das brauchen.

Mit der folgenden Übung können Sie herausfinden,

1. welche Rollen Sie innehaben
2. welche Rollen Sie auch weiterhin innehaben wollen
3. welche Rollen Sie anpassen müssen oder abwerfen wollen
4. welche Rollen Sie vielleicht als Nächstes anstreben können / sollten.

Übung Rollen

1. Rollen erkennen

Sammeln Sie Ihre Rollen: Private (Sohn, Freund, Chormitglied), berufliche (Tischler, Ausbilder, Führungskraft), Ämter (Wahlhelferin, Nachbarschaftshilfe, Prüfungskommission), Hobbys (Seglerin, Tierschutz), Eigenschaften (Hochsensible, Trösterin), Gewohnheiten (Klassenclown), Werte (Idealistin) und mehr. Doppelungen sind möglich. Sie können dazu zum Beispiel eine Mind Map anfertigen oder Post-It’s beschreiben, diese um sich herum auslegen oder ordnen.

2. Rollen behalten

Welche Rollen wollen Sie behalten? Welche sind Ihnen wirklich wichtig, tun Ihnen gut oder haben einen hohen Wert für Sie? Markieren Sie diese besonders.

3. Rollen anpassen oder abwerfen

Jetzt wird’s etwas schwieriger. 😉 Viele Rollen haben wir uns aufdrängen lassen, funktionieren nicht (mehr) richtig, haben sich überlebt oder fügen sogar Schaden zu. Finden Sie sie.

Überlegen Sie zum Beispiel:

  • Verändern sich Lebensumstände und damit auch Rollen? Geht die Arbeitsrolle zum Beispiel in eine Rentnerrolle über? Was können und wollen Sie dann tun?
  • In welchen Beziehungen „hakt“ es, gibt es Disharmonien oder sogar Streit? Könnte das etwas mit Rollen zu tun haben? Und wenn ja, lassen sich diese Rollen ändern? Wie?
  • Haben Sie von etwas in Ihrem Leben „die Nase voll“? Könnten Rollen dahinterstecken? Und wenn ja, können Sie das Ungute durch die Arbeit an den Rollen ändern? Wie?
  • Gibt es Rollen, in denen Sie sich zunehmend unwohl fühlen? Was müsste passieren, damit Sie sich dort wieder wohlfühlen? Ist das machbar und realistisch?
  • Gibt es Rollen, die Sie beenden wollen? Ist Ihnen das möglich?

4. Rollen anstreben
Fühlen Sie sich zu neuen Berufen, Menschen, Orten, Situationen und so weiter hingezogen? Können Rollen dahinterstecken, die langsam in Ihnen wachsen und gelebt werden wollen?

Noch ein Tipp: Da, wie gesagt, unser Wesen und Leben voller Rollen ist, fällt es schwer, „sich selbst“ zu hören, das, was wir jenseits unserer Rollen sind, das, was unser letzter, innerster Kern ist. Es kann helfen, regelmäßig in die Stille zu gehen und viel Zeit mit sich selbst zu verbringen. Sie können das schreibend tun oder auf Ihrer Lieblings-Parkbank sitzen. Hauptsache, Sie sind hin und wieder „leer und nackt und ohne jede Rolle“. 🙂

Ihnen viel Erfolg.

Literaturtipp:
Christiane Schlüter, Der innere Jakobsweg

© 2016 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 29.11.16