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Kolumne: Die Schatten der Vergangenheit

Was macht uns Menschen aus? Unsere Gene? Bewusst erlerntes Verhalten? Eigene Entscheidungen? Oder sind es doch eher „die Schatten der Vergangenheit“? Dinge, die wir unwissentlich gelernt und unbewusst übernommen haben? Dinge, die uns vielleicht sogar verformt und geschadet haben? Ich meine: Ein erster Schritt zu einem besseren, glücklicheren Leben ist es, diese Schatten zu stellen und zu verjagen.

Wissen Sie, ich habe in den letzten drei, vier Jahren viel über den Einfluss unserer Vergangenheit auf unser Leben nachgedacht. Natürlich habe ich mich schon früher zum Beispiel für autobiografische Kurse oder als Historikerin mit dem Thema befasst. Doch jetzt habe ich es zum ersten Mal in voller Breite auf mein eigenes Leben angewandt. Und das, was ich früher für meine eigene Persönlichkeit, Werte, Entscheidungen und mehr hielt, hat sich oft als prägende, formende und auch verformende Einflüsse aus meiner Vergangenheit entpuppt.

Damit meine ich nicht den Einfluss von Erinnerungen, die bestimmte Gedanken, Gefühle und Reaktionen auslösen, wie sie zum Beispiel in mentalen Trainings aufgearbeitet werden. Diese Erinnerungen sind subjektiv, wie alle Wahrnehmungen, und können sich durch äußere Gegenheiten oder inneren Beschluss ändern.

Nein, ich meine Dinge, die viel tiefer gehen, und Einfluss auf unsere ganzen Denk- und Verhaltensmuster haben. Ich greife hier einfach mal ein paar Beispiele zur Veranschaulichung heraus. Sie sind alle real und stammen von mir, meinem engeren und weiteren Umfeld. Allerdings habe ich die Namen geändert, um die Betroffenen zu schützen.

Äußere Einflüsse

Einfluss von Umfeld und Milieu. Beispiel: Sarah kommt aus einfachen Verhältnissen. Ihre Familie schlug sich mit Hilfsarbeiten in der Landwirtschaft oder einfachen Arbeiterjobs durch. Noch heute fühlt sie sich bei den „oberen Zehntausend“ eher unwohl. Jutta hingegen stammt aus dieser sozialen Schicht. Trotz ihres Engagements für die Benachteiligten ist sie eine unbewusste „Überlegenheit“ nie wirklich losgeworden. Wie sieht es bei Ihnen damit aus?

Familienereignisse, die über Generationen noch die Nachfolgenden belasten. Beispiel: Luises Familie hat im Zweiten Weltkrieg die Schrecken von Ausbombung, Feuersbrunst und Leben im Keller, Vertreibung und Flucht, Lageraufenthalten und Neu-Ansiedlung in der Ferne erlebt. Noch heute schottet sich die Familie vor allem Fremden ab und hat eine starke Angst vor Bedrohungen von außen. Kennen Sie ähnliche Beispiele?

Emotionale, psychische und physische Verletzungen. Beispiel: Norbert wird als Kind für seine Fehler böse geschlagen. Noch heute lügt er, wenn man ihn auf einen Fehler anspricht, um nicht wieder verprügelt zu werden. Bemerken Sie ähnliche Muster bei sich oder anderen?

Schlechte (kindliche) Erfahrungen. Beispiel: Ingrid hat einen jähzornigen Vater und wird als Kind hin und wieder geschlagen. Sie muss mit ansehen, wie der Vater die Mutter mit einer anderen Frau betrügt und hintergeht. Noch heute verbindet sie Männer mit Gewalt und mangelnder Vertrauenswürdigkeit. Wie haben Ihre Erfahrungen auf Ihr Leben eingewirkt?

Muster und Verhaltensweisen

Komplexe, die über Generationen weitergegeben werden. Beispiel: Tim leidet an Minderwertigkeitskomplexen. Diese hat er nicht nur selbst ausgebildet, sondern auch von seinem entsprechend veranlagten Vater übernommen. Lisa ist „(sozial) unsicher gebunden“, wie es schon ihre Mutter vor ihr war. Gibt es bei Ihnen ähnliche Familienmuster?

Eingefahrene Muster, über die man nicht hinwegkommt. Beispiel: Petra liegt seit Jahren im Clinch mit ihrer Mutter und scheint in Bezug auf sie nicht „aus ihrer Pubertät herauszukommen“. Noch heute ringt sie darum, eine erwachsene, gleichberechtigte Beziehung zu ihrer Mutter aufzubauen, ohne zu realisieren, dass diese ihr jene gern längst anbieten würde. Und Sie selbst? Ertappen Sie sich bei eigenen überholten Verhaltensweisen?

Erlernte Schwächen und Behinderungen. Beispiel: Gerda hat eine ängstliche, überbehütende Mutter. Anna hat eine Mutter, die ihr das Gefühl gibt, es nie richtig zu machen. Noch heute haben beide Frauen (zu) wenig Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Und Sie? Können Sie eigene „Problemzonen“ auf familiäre Strukturen zurückführen?

Unverarbeitete Altlasten. Beispiel: Rudolf hat nie überwunden, dass seine Schwester in Schule, Ausbildung und Beruf „besser“ ist als er. Noch heute fühlt er sich minderwertig, hat Schwierigkeiten im Kontakt zu ihr und versteht ihre Äußerungen als Kritik an ihm. Und Sie? Gibt es „Leichen im Keller“, die noch heute Sie und Ihr Leben belasten?

Einstellungen und Werte

Ausgesprochene oder unausgesprochene Glaubenssätze. Beispiel: Sandra ist mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, dass „ein Indianer keinen Schmerz kennt“. Sie hat gelernt, den eigenen Körper zu ignorieren, und hat eine hohe Schmerztoleranz ausgebildet. Eine Vorstellung von den eigenen Grenzen bekommt sie erst, als sie diese schon meilenweit überschritten hat – zum eigenen Schaden. Gibt es auch bei Ihnen solche Glaubenssätze?

Unbewusst übernommene Werte, Einstellungen und (Vor-) Urteile. Beispiel: Kathrin hat eine Mutter mit extrem hohen moralischen Maßstäben, die sich oft auch noch in der Hingabe und Aufopferung an andere Menschen verliert. Nie will sie so werden wie ihre Mutter, sie legt sich sogar unbewusst ein burschikoses Image zu. Doch mittlerweile realisiert sie, dass sie trotzdem in weiten Teilen ihrer Mutter gleicht. Wie haben Ihre Eltern Sie geprägt?

Verinnerlichte Lebensauffassungen und Reaktionsweisen. Beispiel: Susie hat von ihren Eltern unbewusst vorgelebt bekommen, dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind, und dass „die da oben“ mit einem machen, was sie wollen. Noch heute kämpft sie darum, diese „Opferhaltung“ zu erkennen und zu überwinden. Kennen auch Sie „vererbte“ Denkweisen?

Ansprüche und Erwartungen

Druck und Forderung nach Anpassung. Beispiel: Rita hat von ihrem Vater gelernt, dass sie alles haben kann, wenn sie nur „spurt“, alles richtig macht, erfolgreich ist und in seinem Sinne handelt. Doch der nie enden wollende Druck führt dazu, dass sie noch heute jede Spur von Fehlern und Versagen aggressiv leugnen und bekämpfen muss. Wie haben Ansprüche von Eltern, Familie und so weiter Ihr eigenes Leben geformt?

Familiäre Erwartungen und Übertragungen. Beispiel: Theresa bekommt als Kind oft zu hören, dass sie ihrem früh verstorbenen Opa gleiche. Statt Klavier zu lernen, bekommt sie seine Geige samt Geigen-Unterricht. Bei guten Noten bekommt sie zu hören, wie sehr das doch den Opa gefreut hätte – was sie unbewusst noch stärker unter Druck setzt. Als es ans Studieren geht, bekommt sie seine alten Studienbücher, studiert dann aber doch „nur“ etwas Themenverwandtes. Bis ins mittlere Alter hinein wird sie auf der Suche nach ihrer eigenen Identität sein. Und Sie? Hat man in Ihrer Vergangenheit bewusst oder unbewusst ähnliche Vorstellungen auf Sie übertragen?

Wie gesagt, das sind nur einige Beispiele. Ich hätte noch erheblich mehr nennen können. Die Theresa, die ihrem Opa gleicht, bin übrigens ich selbst. Als Kind habe ich immer wieder zu hören bekommen, „die ist wie Opa“. Noch heute nehmen einige Verwandte nicht wahr, dass ich einen anderen, eigenen Lebensweg eingeschlagen habe. Diese und andere Erblasten und „Schatten“ sind mir erst in den letzten Jahren bewusst geworden. Erst jetzt kann ich vieles besser begreifen – und ändern.

Ich will nicht anklagen und Schuld zuweisen, darum geht es mir nicht. Ich hätte nach dem gleichen Prinzip genauso in den Personen / Familien der „Täter“ nach Einflüssen und Mustern suchen können.

Mir geht es darum, auf eben diese Erblast, die Hypothek hinzuweisen, die wir alle in uns tragen, ob wir wollen oder nicht. Wir sind nicht nur ein Produkt unserer Gene. Wir stehen auch unter dem Schatten unserer Vergangenheit. Und wir können seine womöglich schädigende Auswirkungen erst dann beheben, wenn wir diese erkennen.

Vor einigen Wochen schrieb ich mir mit einem Leser und Kunden. Es ging unter anderem um negative Schulerfahrungen. Daraufhin erzählte ich von einem Science-Fiction-Autor, der sich fragte, wie lang die Menschheit wohl brauchen würde, um mit dieser Kette aus eigenen erlittenen Verletzungen und Verformungen sowie ihrer Weitergabe an die nächste Generation zu brechen. Er schlug dafür einige tausend Jahre vor. 😉

Vielleicht können wir die Zeit ja etwas abkürzen. Zu diesem Zweck lade ich Sie ein, sich von obigen Beispielen inspirieren zu lassen und Ihr eigenes Leben unter die Lupe zu nehmen.

Erkennen Sie, wer Sie sind, was Sie ausmacht und was Sie geprägt hat. Und entscheiden Sie dann bewusst, welche Muster Sie behalten wollen und welche nicht. Sie werden oft Ihr Leben lang für die Arbeit an neuen Mustern brauchen. Doch das ist die Sache auch wert. 🙂

Lesetipp: „Die Muster der Seele – Glaubenssätze erkennen“

© 2014 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 15.06.14