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Der innere Schatten: Nimm deine dunkle Seite an

So wie Yin und Yang einander brauchen, um ein Ganzes zu formen, so brauchen wir auch unsere ungeliebten, abgelehnten oder verdrängten Teile, unsere „dunkle Seite“ oder unseren „inneren Schatten“. Sie helfen uns, gut für uns zu sorgen und auch gut für den anderen zu sorgen.

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.“ Das ist ein schöner Spruch, den der Volksmund vielleicht aus der Psychologie übernommen hat. Und das ist auch ganz richtig so: Etwas, was ich nicht erkannt habe, kann ich auch nicht ändern.

Doch im Grunde gehört noch ein zweiter Schritt dazu, auch wenn dieser manchmal bei der Selbsterkenntnis mitschwingen mag: Die Annahme. Etwas, was ich nicht annehmen kann, werde ich nicht sehen wollen und kann es damit ebenfalls nicht ändern.

Kein Wunder, dass zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen wie den Anonymen Alkoholikern eine Selbstvorstellung Pflicht ist wie: „Hallo, ich bin Hans Meyer und ich bin Alkoholiker.“ (Oder: Ich habe ein Alkoholproblem.) Ein Alkoholkranker, der sich dieser Tatsache nicht stellen kann, wird in der Regel auch sein Problem nicht lösen.

Doch die Annahme von Schwächen fällt uns oft schwer. Von klein auf haben wir uns bewusst oder unbewusst ein möglichst positives „soziales Ich“ zugelegt. Wir haben zum Beispiel gelernt, dass wir großzügig sein müssen, gut, fleißig oder erfolgreich, wenn wir geliebt werden, Anerkennung bekommen und – zu Familie oder Gesellschaft – dazugehören wollen.

Also bemühen wir uns, nach einem solchen Bild zu leben. Alle Eigenschaften und Verhaltensweisen, die nicht dazu passen, blenden wir aus, ignorieren oder verdrängen sie. Das kann – wie oben erwähnt – dazu führen, dass wir unsere Schwachpunkte lange nicht sehen, bis die durch sie verursachten Probleme in den Himmel wachsen. Es kann aber auch dazu führen, dass wir von klein auf sozusagen „verkrüppelt“ heranwachsen und uns mehr Probleme machen, als nötig wäre.

Ich rede hier von unserem sogenannten „Inneren Schatten“. Ich habe schon vor Jahren in einem Artikel geschrieben, warum es gut wäre, diesen Schatten anzunehmen. Und das möchte ich hier noch einmal in anderer Form tun. Denn so, wie Yin und Yang zusammengehören, gehören wir mit unserem Schatten zusammen. Erst unsere ungeliebte „dunkle Seite“ macht uns zu einem ganzen Menschen – mit mehr Handlungsspielraum und hoffentlich weniger Problemen. 😉

Was ist der Schatten?

Der Schatten ist ein Konzept aus der Psychologie. Er steht für die Teile unseres Wesens oder Menschseins, die wir unterdrücken beziehungsweise verdrängen müssen, um von unserer sozialen Umwelt angenommen und wertgeschätzt zu werden. Der Psychologie und Autor Jean Monbourquette (siehe unten) bezeichnet ihn auch als „psychischen Müllsack“.

Wie mussten Sie sein, um von Vater und Mutter geliebt zu werden? Wie mussten Sie sein, um von Freunden und Peergroup angenommen zu werden? Wie müssen Sie sein, um bei Arbeitgeber und – angestrebter oder hineingeborener – Gesellschaftsschicht zu bestehen?

Haben Sie zum Beispiel in Ihrer Herkunftsfamilie gelernt, „fleißig wie ein Bienchen zu sein“? Ist es dann ein Wunder, wenn Sie noch heute ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn Sie einmal die Füße hochlegen? Haben Sie zum Beispiel gelernt, immer nett und freundlich zu sein? Ist es dann ein Wunder, wenn es Ihnen noch heute schwerfällt, sich gegen Übergriffe zu wehren? Lässt Ihre soziale Schicht nur Hausbesitzer und Wohlhabende zu? Ist es dann ein Wunder, wenn Sie sich als Versager fühlen, sobald Sie diese Merkmale nicht aufweisen?

Fleiß, Freundlichkeit und Besitzstreben sind die Eigenschaften, Verhaltensweisen und Werte, die Sie bewusst leben. Sie sind Teil Ihres sozialen Ichs. Das, was Sie nicht leben dürfen, um so zu sein, wandert in den Schatten. In diesem Beispiel also etwa persönliche oder allgemeinmenschliche Anlagen wie Trägheit, Faulheit, Unfreundlichkeit, Aggressivität beziehungsweise materielle Einfachheit oder Bedürftigkeit.

Übrigens ist ein solcher Schatten nicht nur das Produkt von Kindheit und Herkunftsfamilie. Wir können ihn auch im weiteren Lauf unseres Lebens zum Beispiel mit allem füttern, was nicht zu unserem Selbstbild passt oder womit wir gegen unser Selbstwertgefühl verstoßen.

Gefahren durch den Schatten

Nun werden Sie sagen, dass so ein Schatten gern ignoriert werden kann, wenn darin so unerfreuliche oder selbstschädigende Einzelheiten wie Faulheit, Aggressivität oder materielle Bedürftigkeit schlummern? Lieber den Deckel drauf und ganz weit weg damit? 🙂

Mag sein, doch Sie schaffen sich damit auch wieder Probleme und Sie begrenzen sich selbst.

Ein paar Beispiele:

  • Das, was Sie verdrängen und nicht sehen wollen, kann unbemerkt trotzdem die Kontrolle über Ihr bewusstes Selbst übernehmen – möglicherweise mit fatalen Folgen. Zum Beispiel kann eine Selbstsucht, die Sie nicht sehen wollen, trotzdem ihr Unwesen in Ihrem Leben treiben und Ihnen und Ihren Beziehungen Schaden zufügen.
  • Zudem sind es unsere verdrängten Anteile, die uns oft zu Menschen hinziehen, die diese Anteile leben. Ich habe mehr als ein Paar gesehen, das aus solchen Gegensätzen bestand und entsprechende Probleme miteinander hatte.
  • Vor allem aber beschränken Sie Ihren Handlungsspielraum und fügen sich und anderen unter Umständen sogar wieder Schaden zu. Wenn Sie sich als fleißiges Bienchen keine Pausen gönnen, werden Sie dieses Tempo irgendwann nicht mehr durchhalten. Wenn Sie reflexhaft nett sind, werden Sie vielleicht nicht für gesunde Grenzen sorgen können. Und wenn Sie nur Besitzstreben gelten lassen, werden Sie vielleicht sich und Ihre Familie peinigen, um nur ja nicht vom Haus in eine Mietwohnung wechseln zu müssen.

Weniges im Leben ist nur gut oder schlecht. Es kommt auf den Gebrauch an, den wir von etwas machen. Wenn Sie Ihre Schattenanteile nicht leben, weil Sie sie ablehnen, für „böse“ und unerwünscht halten, wird das manchmal funktionieren, oft aber auch nicht.

Die Kunst wäre es, zum Beispiel zu entscheiden: Ich bin gern nett, so oft ich kann. Aber hier verweigere ich mich, weise in Grenzen oder schlage sogar zurück. Dann handeln Sie nicht reflexhaft, nach Konditionierung, sondern bewusst und passend zur jeweiligen Situation.

Wie erkenne ich meinen Schatten?

Jeder Mensch hat einen individuellen Schatten. Zudem neigt dieser dazu, sich unserer bewussten Kenntnis zu entziehen; andere Menschen sehen unsere dunkle oder verdrängte Seite oft besser als wir selbst. Deshalb braucht es ein bisschen Zeit, wenn Sie Ihren eigenen Schatten erkennen wollen.

Jean Monbourquette (siehe unten) empfiehlt unter anderem, sich seine Projektionen oder Tabus näher anzusehen.

Projektionen: Gibt es Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die Sie an anderen nicht mögen oder kritisieren? Dann kann das ein Teil Ihres Schattens sein. Sie „projizieren“ Ihre Ablehnung auf den anderen. Genauso funktioniert das aber, wie gesagt, auch mit Dingen, die zu anderen Menschen hinziehen, die man an ihnen bewundert oder liebt. Auch das können Schattenteile sein, die Sie sich selbst nicht erlauben, aber unbewusst gut finden oder gern hätten.

Tabus: Achten Sie auf Situationen, in denen Sie unwillkürlich empfindlich reagieren, in Abwehrstellung gehen oder wütend werden. Das kann auf Punkte hinweisen, die Sie an sich selbst nicht ganz akzeptieren oder für die Sie sich schämen.

Eigenschaften: Von Monbourquette für meinen Kurs „‚Böse sein‘ für Anfänger“ übernommen und abgewandelt habe ich die Suche nach Eigenschaften. Überlegen Sie zum Beispiel:

A) Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen schätzen andere an Ihnen? Welche schätzen Sie selbst an sich? Welche haben Sie als schätzenswert erfahren und versuchen Sie zu leben?

B) Welche dem entgegengesetzten Eigenschaften und Verhaltensweisen müssen Sie also verdrängen, um die geschätzten Muster leben zu können?

Achten Sie auch auf die Werte, die Ihnen wichtig sind.

„Mangel-Analyse“: Alle, die schon relativ gut in der Selbstwahrnehmung sind, können auch nach empfundenen Einschränkungen oder Unvollständigkeiten suchen. Zum Beispiel so:

Welche Eigenschaften haben Ihnen in bestimmten Situationen gefehlt? (-> Eigenschaften aus Ihrem Schatten?) Mit welchem Verhalten sind Sie in eine Sackgasse geraten? (-> Verhalten, das nicht angebracht war, wo vielleicht das Gegenstück aus dem Schatten besser gewesen wäre.)

Und gern positiv: Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen würden Ihnen guttun? Welche wollen Sie an sich weiter ausbauen und fördern? Was würden Sie tun, wenn Sie nicht, tja, wenn Sie nicht „so gut erzogen wären“? 😉

Wie gehe ich mit meinem Schatten um?

Was machen Sie nun mit Ihrem Schatten?

Am besten wäre es wohl, wenn es gar nicht erst oder kaum zur Ausbildung eines Schattens käme, wenn wir nicht schematisch „konditioniert“ würden, sondern zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit persönlichen oder allgemeinmenschlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen erzogen würden.

Dann würden wir nicht zum Beispiel immer fleißig sein wollen, nur weil das sozial erwünscht ist, sondern auch einmal „faul“ sein und uns erholen dürfen. Wir würden nicht immer großzügig und fürsorglich sein müssen, nur weil das von uns verlangt wird, sondern auch von Zeit zu Zeit ausschließlich für uns selbst sorgen dürfen – bevor wir uns Schaden zufügen oder die verdrängte Selbstbezogenheit aus unserem Schatten in Form unguter Selbstsucht mit uns durchgeht.

Dazu bedarf es aber der schon erwähnten Annahme: Nicht nur Leistung, sondern auch Laissez-faire und Lebenskünstlertum. Nicht nur Freundlichkeit, sondern auch Zurechtweisung oder Abwehr. Nicht nur Fürsorge, sondern auch Selbstbezogenheit. Die ethisch-moralische Gestaltung liegt dann in der Hand jedes Einzelnen und wäre die eigentliche Herausforderung.

Was können Sie tun?

Gut, da Sie aber vermutlich wie die meisten von uns einen Schatten haben, könnten Sie

  • auf Ihren Schatten achten und nach diesem suchen
  • zu erkennen versuchen, dass und wo solche ungeliebten, abgelehnten oder verbotenen Eigenschaften und Verhaltensweisen sinnvoll sein und guttun können
  • sich die Erlaubnis geben, auch solche „bösen“ Anteile situationsbezogen zu leben
  • versuchen, Stück für Stück Schattenanteile in Ihr Leben und Verhalten aufzunehmen, sie anzunehmen und ihnen das „Böse“ zu nehmen.

Wenn Sie möchten, können Sie dazu auch gern mit Visualisierungen arbeiten. Sie können sich zum Beispiel den Schatten als wohlmeinenden, missverstandenen Freund vorstellen, den Sie mit neuen Augen sehen und in Ihr Leben lassen. Sie können an Yin und Yang denken, die zwei Hälften, die ein Ganzes formen. Erschaffen Sie sich die Bilder, die Ihnen entsprechen.

Es kann auch hilfreich sein,

  • die Prägungen zu erkennen, die zur Ausbildung Ihres Schattens geführt haben: Ihr soziales Ich ist nicht vom Himmel gefallen, es ist geformt worden. Und zu einem guten Teil können Sie es auch wieder umformen.
  • gegebenenfalls nach verletzten Anteilen Ihrer selbst zu suchen: Wurden Sie zum Beispiel für selbstsüchtiges Verhalten bestraft, so dass Sie dieses in Ihren Schatten verdrängten? Versuchen Sie dann, diesen Teil von sich zu trösten und zu heilen.
  • sich auf Widerstände aller Art gefasst zu machen: Weder Sie noch Ihr soziales Umfeld werden sich mit solchen Veränderungen leicht tun. Es hilft, wenn Sie auf mögliche Hindernisse vorbereitet sind. 😉

Zum Zeitpunkt, wo ich diesen Artikel schreibe, arbeite ich seit sechs Jahren an der Integration meines Schattens. Ich weiß, es ist eine nicht ganz leichte Arbeit. 😉 Aber es ist auch eine wertvolle Arbeit. Ich wünsche Ihnen dabei ein gutes Gelingen.

[Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das ist, wie bei allen meinen Artikeln, kein Freibrief für kriminelles oder fremdschädigendes Verhalten. Das habe ich nicht mit „dunkler Seite“ gemeint. ;-)]

Literaturtipp:

Jean Monbourquette
Umarme deinen Schatten. Ermutigung zur Selbstannahme.
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© 2016 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 19.09.16