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Schlussformen beim Schreiben

Nur wenige Schreibratgeber beschäftigen sich mit dem Abschluss eines Textes. Auch ich selbst habe darin anfangs kein Problem gesehen – bis mich zwei Teilnehmer meines Seminars eines Besseren belehrten. Denn die drängendste Frage, die sie auf dem Weg nach Hause umtrieb, war: „Himmel, und wie beende ich jetzt einen Text?“ Gut, ich schließe meine Informationslücke mit diesem Artikel und widme mich dem Thema „Ende und Schlussformen beim Schreiben“.

Wie beendet man einen Text?

„Wie beendet man einen Text?“ – In meinem Seminar „Schreiben wie ein Profi“ sprachen wir über Einstiege in einen Text, und wir sprachen über Romane, die immer umfangreicher werden. Im Zug auf dem Weg nach Hause fiel zwei Teilnehmern plötzlich ein: „Himmel, und wie beendet man jetzt einen Text? Was machen wir, wenn wir schreiben und schreiben, der Roman immer dicker wird und wir einfach kein Ende finden?“ Also versprach ich, dass ich dazu einen Artikel schreiben würde; hier ist er.

Warum kann der Schluss eines Textes ein Problem sein?

Einen Text abzuschließen kann in der Tat zu einem Problem werden, zum Beispiel weil:

a) Sie neigen zum Perfektionismus und / oder haben Selbstwertprobleme, deshalb zögern Sie, Ihren Text für veröffentlichungsreif zu erklären. Tausend Kleinigkeiten können noch verbessert werden, Ihre Leser werden enttäuscht sein und man wird Sie für eine unfähige Autorin halten.

b) Sie neigen zur Aufschieberitis, schreiben oft in letzter Minute und für das Ende Ihres Textes bleiben nur noch die allerletzten Sekündchen. Derart gehetzt, kann die Qualität leiden.

c) Sie haben nicht sauber konzipiert und bekommen Ihre losen Fäden (Handlungsstränge) nicht in den Griff. Auf diese Weise werden Sie nie zu einem guten Abschluss kommen.

Gut, für so etwas kann ich nur empfehlen: Stehen Sie zu sich selbst und zu Ihren Texten. Fangen Sie rechtzeitig an und planen Sie genug Puffer ein. Legen Sie sich ein sauberes Konzept zu. 😉

Doch das Ende Ihres Textes kann Ihnen noch aus anderen Gründen zu schaffen machen:

Wie bei einer Rede, so ruht auch bei einem Text die Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer / Leser in besonders hohem Maße auf Anfang und Ende. Start und Schluss haben die Möglichkeit, nachdrücklich im Gedächtnis zu bleiben. Das kann für Ihre Texte ein zusätzlicher Pluspunkt sein – oder sie unerfreulich abstürzen lassen.

Zudem können Anfang und Ende einen Text „stützen“ und ihm einen Rahmen für den sich entwickelnden Spannungsbogen geben. Auf diese Weise kann ein Text eine gefällige Einheit bilden – oder aber bei unsauberem Bogen einen „zerfledderten“ Eindruck machen.

Deshalb empfehlen manche Schreibratgeber:

Achten Sie nicht nur auf den Einstieg in einen Text, sondern auch auf ein gutes Ende. Dazu habe ich im Folgenden einige Tipps.

Allgemeine Tipps für einen guten Schluss

1. Gestalten Sie den Schluss sorgfältig

Beide, Anfang und Ende, sind wichtig für einen Text. Gehen Sie deshalb beim Ende eines Textes genauso sorgfältig vor wie bei seinem Anfang.

2. Gestalten Sie den Schluss für den Leser befriedigend

Das Leben kann chaotisch, schmutzig, grausam sein. Umso mehr wünschen sich die meisten Menschen bei ihren Geschichten (Bücher, Filme) ein schönes, befriedigendes Ende. Das Happy End bleibt die bevorzugte Schlussform. Die Mehrheit der Leser möchte Buch oder Text mit einem guten Gefühl zur Seite legen, Rätsel gelöst, Fragen beantwortet haben.

3. Schließen Sie das ganze Buch und den ganzen Text ab

Der Schluss sollte ein Abschluss für das gesamte Buch beziehungsweise den gesamten Text sein, nicht nur für einzelne Handlungsstränge oder Kapitel.

4. Achten Sie schon beim Konzept auf einen guten Schluss

Auch wenn Sie in Etappen schreiben und stückweise an Ihrem Text „puzzeln“ sollten, sollte dieser einen runden, in sich stimmigen Eindruck machen. Das erreichen Sie nur mit einem guten Konzept. Schon Ihr Konzept sollte die Frage beantworten, wie Sie Ihren Text beenden werden.

5. Achten Sie auf einen Argumentations- oder Spannungsbogen

Können Sie Anfang und Ende Ihres Textes aufeinander beziehen? Können Sie auf diese Weise einen Argumentations- oder Spannungsbogen aufbauen bzw. den Text verklammern?

6. Hören Sie auf, wenn Sie alles Notwendige gesagt haben

William Zinsser plädiert dafür, einen Text zu beenden, sobald Sie alles gesagt haben. Ich schließe mich ihm da an. Roy Peter Clark regt an, die letzten Zeilen eines Textes probeweise zu entfernen. Macht der Text trotzdem einen geschlossenen Eindruck? Dann entfernen Sie so lange die letzten Sätze oder Absätze Ihrer Bücher oder Texte, bis Sie merken: Halt, hier fehlt etwas. Fügen Sie diese fehlenden Zeilen wieder an, Sie brauchen sie für Ihren Schluss. Auf diese Weise fällt es Ihnen vielleicht leichter, überflüssigen Ballast zu enttarnen und zu beseitigen.

7. Gestalten Sie den Schluss prägnant

Schreiben Sie prägnant. Bringen Sie alles auf den Punkt, verzichten Sie auf Abschweifungen, verzetteln Sie sich nicht noch auf den letzten Metern. Kürzen und streichen Sie, wo möglich.

Je nach Autor kann es zudem wichtig oder hilfreich sein:

  • Die Grundidee aufgreifen: Zinsser schlägt vor, mit dem Schluss noch einmal die Grundidee von Buch oder Text aufzugreifen. Das ist hilfreich für einen runden Eindruck.
  • Die Geschichte sauber abschließen: Bernays und Painter raten dazu, eine Geschichte oder einen Text „psychologisch aufzulösen“. Das heißt, beide sollten sich selbst genügen und in sich abgeschlossen sein. Der Leser sollte den Schluss verstehen; er muss nicht wissen, wie es danach weitergeht.
  • Etwas Überraschendes bieten: Einige Autoren bevorzugen ein überraschendes Ende, auch der schon erwähnte Zinsser. Ich sehe das anders. Sicher kann ein überraschendes Ende ein Highlight sein. Doch ich halte Überraschungen nicht für etwas grundsätzlich Gutes. Sie und damit Ihr Schluss können misslingen, wenn der Leser das Überraschende zum Beispiel nicht versteht oder einen anderen Geschmack hat als Sie. Ein Text kann auch gut enden, ohne eine künstlich gewollte Pointe zu haben.
  • Etwas Interessantes bieten: Einige Autoren sprechen sich auch dafür aus, dem Leser zum Schluss noch etwas Interessantes zu bieten. Etwas, was die Aufmerksamkeit noch einmal fesselt und im Gedächtnis bleibt. Das kann eine Anekdote sein, ein Zitat, ein Dialog, je nach Zusammenhang auch eine Frage, eine These oder eine „Moral“. Dem kann ich mich schon eher anschließen. Schauen Sie, ob so etwas bei Ihnen passt.

Einige Beispiele für Schlussformen

Es wird sicher viele Möglichkeiten geben, einen Text konkret zu beenden. Ich erwähnte schon Happy Ends, Überraschungen, Zitate und Co. Im Folgenden liste ich noch einige gebräuchlichere Schlussformen auf, die Sie untereinander weiter kombinieren können. Achten Sie darauf, welche dieser – oder zusätzlicher – Formen Ihnen selbst entsprechen und zu welchen Sie – bewusst oder unbewusst – gern greifen.

1. Grundsätzliche Schlussformen:

Der kreisförmige Schluss: Ich persönlich mag die Kreisform. Sie kommt meinem Sinn für Symmetrie und Harmonie entgegen. Stellen Sie sich dazu Ihren Text wie einen Kreis vor, den Sie nun mit dem Ende schließen: Greifen Sie zum Beispiel auf, was Sie zu Beginn erwähnten. Kehren Sie zu anfänglichen Schauplätzen zurück. Beantworten Sie eingangs gestellte Fragen.

Der lineare Schluss: Viele meiner Texte haben eine didaktische Funktion. Hier bietet sich der lineare Schluss an: Streben Sie mit Ihrem Text zum Beispiel einem bestimmten (Lern-) Ziel zu. Arbeiten Sie auf den Beweis einer These hin. Lassen Sie Ihre Romanfiguren eine charakterliche Entwicklung vollziehen.

2. Häufige Schlussformen bei Sachtexten und Ratgebern:

Problem und Lösung: Starten Sie mit einem Problem (oder Ziel) und präsentieren Sie dafür zum Schluss verschiedene Lösungen (oder Aktionen).

Der Blick in die Zukunft: Diese Schlussform habe ich bei Clark gefunden. Ich kann sie mir zum Beispiel gut im Journalismus, bei Kolumnen oder Ähnlichem vorstellen: Beenden Sie Ihren Text damit, dass Sie die Konsequenzen und möglichen Entwicklungen des Dargestellten beleuchten.

Die Handlungsaufforderung: Diese kennt man oft aus der Werbung. („Rufen Sie jetzt an …“) Doch das geht auch zum Beispiel bei informierenden oder pädagogischen Sachtexten. („Unsere Hotline hilft Ihnen gern weiter …“ „Meiden Sie Industriezucker und Sie werden …“)

Der persönliche Wunsch: Dies ist wieder eine meiner eigenen Schlussformen. Ich gebe meinen Lesern gern noch „gute Wünsche“ mit auf den Weg: „Viel Spaß beim Schreiben.“

3. Häufige Schlussformen bei erzählendem Journalismus:

Die folgenden Schlussformen habe ich Clark und Zinsser entnommen. Ich kann sie mir gut bei erzählendem Journalismus vorstellen, deshalb habe ich sie hier eingeordnet.

Der zeitliche Rahmen: Schildern Sie etwas von Zeitpunkt zu Zeitpunkt. Sie entscheiden, mit welchem Zeitpunkt Sie schließen wollen.

Der räumliche Rahmen: Schildern Sie etwas von Schauplatz zu Schauplatz. Sie entscheiden, an welchem Schauplatz Sie schließen wollen.

Das Zitat: Ein treffendes Zitat kann eine Sache besser auf den Punkt bringen als lange Erklärungen. Wenn Sie ein solches Zitat für Ihren Schluss finden, haben Sie etwas, was, wie gesagt, potenziell gut im Gedächtnis bleibt.

Daneben sind auch Schlussformen aus der Belletristik wie zum Beispiel ein Happy End möglich.

4. Häufige Schlussformen in der Belletristik:

Das Happy End: Die meisten Menschen sehnen sich nach einem glücklichen Ende. Das Paar hat sich gefunden, der Bösewicht ist auf der Strecke geblieben, das Gute hat triumphiert.

Das tragische Ende: Deutlich weniger beliebt und seltener beim Text ist das tragische Ende. Es kann aber immer noch zu großen Gefühlen bewegen. (Beispiel: Romeo und Julia.)

Der offene Schluss: Eine Sonderform, die angesichts der Sehnsucht der Menschen nach einem guten Ausgang problematisch sein kann. Man nutzt diese Schlussform auch als Cliffhanger, um die Menschen zu Folge-Texten (oder –filmen) greifen zu lassen. (Beispiel: „Star Wars – Das Imperium schlägt zurück“)

Der ambivalente Schluss: Ebenfalls eine Sonderform, ebenfalls nicht unproblematisch. (Beispiel: Im dritten Band des „Herrn der Ringe“ reist der Hobbit Frodo – verwundet und verändert – in den Westen, während sein treuer Gefährte Sam allein nach Hause zurückkehrt.)

Der Epilog: Ein Nachklang kann die Helden einer Geschichte ein paar Jahre später noch einmal zeigen. Sie können so zum Beispiel die Neugier Ihrer Leser befriedigen, die wissen möchten, wie es mit ihren Lieblingsfiguren weitergeht, oder noch nachträglich ein Happy End andeuten. (Beispiel: Der letzte „Harry-Potter“-Band.)

Weitere Schlussformen gibt es beispielsweise bei Essays, Studienarbeiten oder in der Werbung. Darauf verzichte ich hier.

Vor diesen Abschlüssen wird gewarnt

Vieles ist ja bekanntlich Geschmacksfrage, auch etliche „Do“s und „Don’t“s beim Schreiben. Je nach Schreibratgeber kommt Folgendes beim Abschluss eines Textes weniger gut:

Nicht zum Ende kommen können: Vermeiden Sie es nach Möglichkeit, selbst- oder textverliebt zu schreiben, zu schreiben und zu schreiben. Wenn alles gesagt ist, machen Sie Schluss. 🙂

Einen Text nicht wirklich abschließen können: Beide, Anfang und Ende, sind für Ihren Text und vor allem für Ihre Leser wichtig. Investieren Sie ruhig in diese zusätzliche Zeit für den Schluss.

Den Leser unbefriedigt zurücklassen: Wie gesagt, die meisten Leser wollen ein Happy End oder zumindest ein aufgelöstes Ende. Alle anderen Schlussformen sind Ihr persönliches Risiko. 😉

Den Leser verwirren: Achten Sie darauf, den Leser zum Schluss nicht mit zu vielen weiteren oder neuen Informationen / Entwicklungen zu verwirren. Das wäre Stoff für weitere Texte.

Abrupt beenden: Wenn Sie einen Vortrag mit „okay, das war’s“ beenden, kann das noch für Lacher oder Schmunzeln sorgen. Bei einem Text wird es schwieriger.

Zusammenfassen: In Schule, Studium und Wissenschaft wird oft auf einer Zusammenfassung am Schluss Wert gelegt. SPIEGEL ONLINE versucht sich auch seit einiger Zeit mit einer solchen am Ende seiner Artikel. Manche Schreibratgeber warnen davor, seine Leser auf diese Weise für dumm zu erklären. Und ich persönlich finde es meist eher überflüssig.

So, nach all dem Gesagten lasse ich Sie jetzt mit Ihren Abschlüssen allein. Für diesen Text hatte ich eine lineare Entwicklung mit einer persönlichen Anrede / einem guten Wunsch zum Schluss. Für eine Kreisform könnte ich mich noch einmal in den Zug zu meinen Teilnehmern setzen – aber das lasse ich hier sein. Ihnen allzeit viel Spaß beim Schreiben. 🙂

Kurstipps:

Literaturtipps:

© 2015 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 10.11.15