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Die Würde des Menschen: 55 Rechte für eine gesunde Selbstachtung

Im Fernsehen lassen wir uns in Shows wie „DSDS“ öffentlich fertigmachen, und mir kann keiner erzählen, dass das nicht auf die Selbstachtung geht. Doch auch im ganz normalen Leben fügen wir uns und der Achtung für und vor uns immer wieder Schaden zu. Ich habe mal ein paar „Rechte“ gesammelt, was Ihnen zusteht, damit Würde und Selbstachtung gewahrt bleiben.

Eine Bekannte hatte ein großes Herz, ein vielleicht zu großes Herz. Sie ließ sich auf verheiratete Urlaubsflirts ein und träumte von der großen Liebe. Sie fing bei fragwürdigen Arbeitgebern an und hoffte auf das große Los. Erst nach Jahren des Leidens und ruinierter Gesundheit erwachte ihre Selbstachtung, schickte sie den Traummann in die Wüste und jagte dem Ex-Arbeitgeber den Anwalt auf den Hals.

Eine Studienkollegin ignorierte ihre Bedürfnisse, folgte brav Daddys Erwartungen, studierte Jura und stieg in seine Kanzlei ein. Erst nach Jahren des Leidens und, genau, angeknackster Gesundheit warf sie alles hin, überhörte gelassen seine Drohung „ich zahl dir keinen Cent“ und fing mit Mitte Dreißig noch einmal ein komplett neues Studium zur Archäologin an.

Beide Frauen hatten offenbar nicht genug Selbstachtung, um sich vor dem Schaden zu bewahren. Ihre Selbstachtung nahm durch das, was ihnen widerfuhr, weiteren Schaden. Bis sie irgendwann doch noch genug Selbstachtung zusammenkratzen konnten, um die Wende einzuleiten.

Was ist Selbstachtung?

Selbstachtung – das ist offenbar ein vielschichtiger Begriff, der viel mit unserem Wohl und Wehe zu tun hat. Selbstachtung, das bedeutet zum Beispiel:

  1. Mich mögen und positiv von mir denken zu können
  2. Mich achten und mir im Spiegel ins Gesicht sehen zu können
  3. Meinen Wert kennen und auf meine Würde achten zu können
  4. Mein Selbst achten und gut für mich sorgen zu können

Selbstachtung kann schon in der Kindheit zu schwach ausgebildet werden oder erst nach einem aktuellen Ereignis verloren gehen. Doch die Folgen können immer verheerend sein: Von Wut im Bauch über ewigem „Zu-kurz-Kommen“, „Alles-mit-sich-machen-Lassen“ oder „Sich-treten-Lassen“, unbefriedigenden (Arbeits-) Beziehungen, verletzten Bedürfnissen und Grenzen, verletztem Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl bis zu psychosomatischen Reaktionen, Mobbing-Opfer und dem allgegenwärtigen Burn-Out.

Eigentlich wollte ich Ihnen in diesem Artikel ein paar Tipps für mehr Selbstachtung geben. Doch nachdem ich Schaffers Buch „Grundrechte. Ein Manifest.“ gelesen habe, habe ich es mir anders überlegt. Ich habe mich von ihm inspirieren lassen und ein paar Rechte für mehr Selbstachtung formuliert. All das gehört dazu, (auf) mich selbst zu achten. Und all das brauche ich, um mich selbst besser zu achten.

Die Erlaubnis, Selbstachtung zu leben

Sie meinen, das sind Selbstverständlichkeiten? Das dachte ich auch mal. Bis ich herausfand, wie mühsam es sein kann, mir auch nur selbst die Erlaubnis zu geben, sie zu leben.

Denn während zum Beispiel eine gemeinsame Bekannte betroffen war, dass eine Freundin meinen Geburtstag glatt vergessen hatte, überlegte ich noch, ob ich dieser das antun könne, sie auf das Versäumnis anzusprechen und so indirekt zu „kritisieren“.

Und während eine weitere Bekannte sich bemühte, mit gewaltfreier Kommunikation den anderen wichtig zu nehmen und Brücken zu ihm zu bauen, schmerzte es mich, mit ansehen zu müssen, welchen Ton ihr eigener Mann ihr gegenüber anschlug.

So, deshalb kommen jetzt hier ein paar Rechte. Sie können ja immer noch nach Möglichkeiten suchen, sie ggf. „sozial verträglich“ umzusetzen beziehungsweise ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen, von Ich, Du und Wir zu halten. Sie sollten nur wissen, dass Sie diese Rechte haben. 😉

Rechte für mehr Selbstachtung

Mein Wesen: Ich habe das Recht …

* nicht lieb und nett, sondern authentisch zu sein
* nicht angenehm und angepasst, sondern ich zu sein
* nicht stromlinienförmig zu sein und den Unwillen anderer zu erregen
* mich nicht selbst zu zwingen und meine Grenzen und Bedürfnisse zu achten
* auch mal traurig, wütend, unglücklich, kein Erfolgstyp oder Strahlemann zu sein
* das Verblühen von Jugend und Schönheit zuzulassen und in Würde zu altern
* meine Ängste und Bedürftigkeiten zu zeigen, auch nur Mensch zu sein
* schwach und unwissend zu sein und Fehler machen zu dürfen
* ich selbst zu sein und trotzdem geliebt zu werden
* das Meine zu suchen und zu leben

Mein Leben: Ich habe das Recht …

* meinen eigenen Weg zu gehen und mein eigenes Leben zu leben
* für mein Wohl, meine Interessen und meine Bedürfnisse zu sorgen
* nach dem zu streben, was mir Freude macht und mir einen Sinn gibt
* Familienregeln zu brechen und die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen
* meinen Wert nicht von Leistungen oder Errungenschaften abhängig zu machen
* meinen Wert nicht demonstrieren zu müssen, sondern schlicht einen zu haben
* stolz auf mich zu sein und aufrecht durch das Leben zu gehen
* mir mein eigenes Glück zu suchen

Meine Arbeit: Ich habe das Recht …

* einen Beruf nach meinem eigenen Geschmack zu wählen
* angemessen bezahlt und wertschätzend behandelt zu werden
* mir Verbesserungen und mehr Eingehen auf mich selbst zu wünschen
* nicht 150 Prozent geben zu müssen, wenn 100 P. oder weniger ausreichend sind
* nicht Tag und Nacht für Kunden oder Chefs zur Verfügung stehen zu müssen
* nicht alles blind zu befolgen, sondern meine eigene Expertise anzuführen
* Menschen anzuleiten oder für Fehler zur Verantwortung zu ziehen
* die Arbeit niederzulegen und mich zu schonen, wenn ich krank bin
* gegen zu viele Aufgaben oder Überstunden aufzubegehren
* Karriere und den Run nach Mehr zu verweigern

Meine Beziehungen: Ich habe das Recht …

* auf die Treue eines Partners/Mich-Liebenden u. das Zu-Mir-Stehen meiner Freunde
* ein Leben außer der Familie zu haben, ohne eine schlechte Partnerin/Mutter zu sein
* meine Beziehungen zu formen u. Berücksichtigung meiner Bedürfnisse zu wünschen
* die Wünsche des anderen nur nach eigenen Vorstellungen und Grenzen zu erfüllen
* nicht das zu sein oder zu bleiben, was andere von mir erwarten oder kennen
* schlechte Behandlung zu erkennen und mich gegen sie zu wehren
* Beziehungen zu beenden oder mich vor Menschen zu schützen
* Freundschaft oder Partnerschaft nicht „erkaufen“ zu müssen
* Fürsorge und Verantwortung für andere zu begrenzen
* mich ggf. mehr zu lieben als den anderen

Meine Behandlung durch andere: Ich habe das Recht …

* höflich, freundlich und wertschätzend behandelt zu werden
* nicht beleidigt, verunglimpft, aggressiv angegangen oder niedergebrüllt zu werden
* emotionale, seelische, körperliche Gewalt zu erkennen u. mich dagegen zu wehren
* nicht benutzt, geschlagen, hintergangen, manipuliert oder missbraucht zu werden
* von (Geschäfts-) Partnern o. Kollegen nicht (wirtschaftlich) geschädigt zu werden
* Aufträge pünktlich und so gut wie möglich erledigt zu bekommen
* mich gegen falsche Behauptungen und Unrecht zu wehren

Meine Interaktion mit anderen: Ich habe das Recht …

* die Harmonie zu stören, mich zu streiten und zu widersetzen
* andere auf ihre Versäumnisse aufmerksam zu machen u. so indirekt zu „kritisieren“
* andere in ihre Schranken zu weisen, Grenzen zu ziehen, nein zu sagen, abzulehnen
* meine eigene Wahrheit zuzumuten und der Meinung anderer zu widersprechen
* den Rat anderer nicht anzunehmen und die Wünsche anderer nicht zu erfüllen
* eine Stimme zu haben, Gehör finden zu wollen und gehört zu werden
* mir meine Fehler zu verzeihen und ggf. um Entschuldigung zu bitten
* die Grenzen anderer nicht zu kennen und sie ggf. zu übertreten
* den Ton und die Bedürfnisse anderer nicht immer zu treffen
* zu sagen, dass ich etwas nicht mag oder nicht machen will

Und wie sehen Ihre Rechte für mehr Selbstachtung aus? Viel Spaß beim Formulieren.

Kurstipp:

Seminar: ‚Böse sein‘ für Anfänger
Selbstschädigende Muster überwinden und liebevoller für sich sorgen

Lesetipps:

Artikel: 15 Tipps für mehr Selbstvertrauen
Checkliste: Verbessern Sie Ihr Selbstwertgefühl
Kolumne: Handle nie gegen deine innere Wahrheit
Kolumne: Freiheit muss man sich nehmen
Kolumne: Glaube an dich

© 2015 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 10.03.15