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Sich erden

Erden ist ein Begriff aus der Hochsensiblen-Literatur. Erden hilft Ihnen, sich besser zu spüren, ein besseres Gefühl für Sie selbst und Ihre Bedürfnisse zu bekommen. Es ist aber nicht nur für Hochsensible interessant. Vielen Menschen fehlt heute genug „Bodenhaftung“, um gut für sich zu sorgen, ob hochbegabt, kreativ, Bildschirmtäter, Couchkartoffel, Zappelphilipp usw.

Was ist mit „sich erden“ gemeint?

Erdung oder sich zu erden ist ein Ausdruck, der in der Literatur über Hochsensibilität häufiger begegnet. Er muss aber nicht nur für hochsensible Menschen interessant sein.

Er meint in etwa:

  • Aus dem Kopf und einer stark kopflastigen Lebensweise herauszukommen
  • Mehr Gespür für den eigenen Körper und dessen Bedürfnisse zu entwickeln
  • Mehr gedankliche Energie zum Boden zu schicken und sich in sich zu verankern

Rolf Sellin nennt dies auch Zentrierung. Wer zentriert ist, ist im Kontakt mit sich und mental und emotional dort, wo er sich befindet, nämlich in seinem Körper. Wer dies nicht ist, ist energetisch, mit seinen Gedanken und Gefühlen überall, nur nicht bei sich selbst. (Vgl. Literatur unten.)

Warum und für wen ist dies sinnvoll?

Viele hochsensible Menschen haben ein sogenanntes entgrenztes Ich. Das heißt, sie gehen durch ihre neuronale Beschaffenheit sehr leicht in Resonanz zu anderen, sie sind mental und emotional permanent im Kontakt mit anderen. Sie wissen oft erheblich besser, wie es ihren Mitmenschen geht und was diese brauchen und sich wünschen, als wie es ihnen selbst geht und was sie für sich selbst brauchen und wünschen. Sie „leben zu sehr im Kopf“, denn der Kopf ist mit seinen Sinnesorganen für diese Resonanz und Bindung zu ihren Mitmenschen verantwortlich. Was ihnen dagegen oft fehlt, ist ein gesundes Gespür für den Körper und das Wissen ihres Körpers, was ihm und damit ihnen selbst gut tun würde.

Auch Hochbegabte sind naturgemäß sehr viel, manches Mal vielleicht auch zu viel „im Kopf unterwegs“. Das Gleiche gilt für die von der bekannten Autorin Barbara Sher so genannten „Scanner“, für viele Kreative mit ihrer reichen Vorstellungskraft und ihren Ideen sowie sicher auch für viele, viele andere Menschen.

Hinzu kommt, dass unsere westliche Kultur mit ihrer christlich-jüdisch-antiken Tradition stark kopflastig ist, das – angeblich männliche – geistige Prinzip betont und das – angeblich weibliche – körperliche Prinzip abwertet. (Fitness- und Schönheitskult einmal außen vor.) Die moderne Mediengesellschaft tut ein Übriges, indem sie ihre Bürger zu Bildschirm- und Couch-Potatoes erzieht.

All das kann zu einem mangelnden Gleichgewicht von Körper und Geist führen, zu einem mangelnden Gespür für den Körper und einer mangelnden Beherrschung des Körpers. Und daraus können dann zum Beispiel resultieren:

  • Ein Rückgang motorischer Fähigkeiten: Schon vor über 15 Jahren erzählte mir eine Kindergärtnerin, dass viele Kinder immer weniger Körpergefühl haben, zum Beispiel keine Rolle rückwärts mehr machen können, nicht geschickt fallen können, nicht rückwärts gehen können.
  • Eine Zunahme psychosomatischer Erkrankungen: Wer einen guten Kontakt zu seinem Körper hat, spürt eher, was gut für ihn ist und was nicht. Wo dieser Kontakt verloren geht, häufen sich psychosomatische und sonstige Erkrankungen. Die Warnsignale, die der Körper schickt, um auf Missstände aufmerksam zu machen, werden nicht gehört oder ignoriert. Die eigene Intuition bleibt verkrüppelt oder wird ebenfalls ignoriert.
  • Ein Rückgang von „Lebensfähigkeit“: Wer zu viel im Kopf, in Vorstellungen und Ideen oder natürlich in Medien unterwegs ist, läuft Gefahr, sich in Traumwelten zu verlieren, an der Realität vorbei zu leben, zu wenig im Hier und Jetzt zu sein. Doch Vorstellungen und Ideen brauchen eine solide Grundlage. Wo Lebensnotwendiges nicht ausreichend vorhanden ist, steht die eigene Existenz auf dem Spiel.
  • Ein Verlust des eigenen Ichs: Wer zu wenig sich selbst wahrnimmt und zu wenig die eigenen Bedürfnisse spürt, kann auch sein Leben weniger nach diesen gestalten, sich weniger um das bemühen, was ihm oder ihr gut tut, die eigenen Interessen weniger vertreten. Hier steht zwar nicht unbedingt die Existenz auf dem Spiel, wohl aber die persönliche Zufriedenheit und Lebensqualität, das eigene Glück – und damit natürlich wieder die Gesundheit.

Sich zu erden kann helfen, das Ungleichgewicht zu korrigieren, ein besseres Gespür für seinen Körper zu bekommen und damit auch etwas für seine Gesundheit, sein Glück und sein Leben zu tun. Und bei dieser Erdung helfen zum Beispiel die folgenden Tipps.

Tipps, um sich zu erden

1. Sorgen Sie gut für Ihren Körper

Erdung und physische Selbstwahrnehmung fangen mit dem eigenen Körper an. Sorgen Sie gut für diesen. Dazu können Sie zum Beispiel Folgendes tun:

  • Sich gut, leicht und gesund ernähren, vielleicht sogar hin und wieder selbst kochen. Jede vorherrschende Lebensweise erzeugt ihre Gegenbewegung. Dazu gehören im Moment zum Beispiel der Trend, gemeinsam mit Freunden zu kochen, oder der Trend, gemeinsam mit anderen sein eigenes Obst und Gemüse anzubauen, Stichwort Essbare Stadt. (Gartenbau, Obst- und Gemüseanbau bringen Sie auch noch ganz wortwörtlich in Kontakt mit der Erde.)
  • Sich mehrmals am Tag ausgiebig recken, strecken, bewegen und entsprechende Übungen machen. Mobilisation und Bewegung gehören nicht ohne Grund zum Standard-Förderungsprogramm der Krankenkassen. Auch Spazierengehen, Walken, Joggen, Rennen, Schwimmen und so weiter schärfen die physische Präsenz und bauen zudem Stress und Blockaden ab. Gehmeditationen verbinden Momente der Achtsamkeit und Absichtslosigkeit mit der Besinnung auf den Körper.
  • Sich regelmäßig entspannen, Pausen einlegen, etwas ganz anderes tun oder gar nichts tun, sich regenerieren und erholen.
  • Den Körper nicht nur als Ausführungsorgan sehen, das gehorchen und etwas leisten muss, nach eigenem Willen und geltenden Leistungs-, Fitness- und Schönheitskriterien geformt werden kann und muss. Keinem selbstschädigenden Leistungsdenken und preußischer Pflichterfüllung huldigen.
  • Bei allen medizinischen Möglichkeiten mit dem Körper arbeiten und nicht gegen ihn. Sich der Grenzen des Körpers bewusst sein. Sich vor Machbarkeitswahn und einer Kultur des „anything goes“ hüten. Verantwortungsvoll mit sich, seinem Körper und seinen körperlichen Ressourcen umgehen.

Wenn Sie sich auf diese Weise systematisch liebevoll mit Ihrem Körper beschäftigen, ohne zum Hypochonder zu werden, haben Sie eine gute Basis gelegt, um mit Ihrem Körper auch in Kontakt zu treten :-).

2. Treten Sie in Kontakt zu Ihrem Körper

Nehmen Sie Kontakt zu Ihrem Körper auf. Lernen Sie, Ihren Körper und damit diesen Teil Ihres Selbst besser wahrzunehmen. Zum Beispiel mit den folgenden Tipps.

  • Lassen Sie sich massieren oder massieren Sie sich selbst. Achten Sie darauf, genug Berührungen, Umarmungen und Streicheleinheiten zu bekommen, sei es von Mensch zu Mensch oder von Mensch zu Tier. Wenn man einmal davon absieht, dass wir Menschen Berührungen emotional brauchen, ist die Haut unser größtes Organ. Sie anzusprechen und zu stärken hilft Ihnen, sich selbst wahrzunehmen, nach außen abzugrenzen und als Einheit zu begreifen.
  • Mobilisation, Reck- und Streckübungen hatte ich oben schon erwähnt. Auch etliche Sportarten fördern den Kontakt zum Körper, wie etwa Yoga, Pilates, Tai Chi und Qi Gong. Tanzen ist immer auch körperlicher Ausdruck Ihrer selbst.
  • Suchen Sie sich (weitere) Hobbys, die Sie mit Ihrem Körper oder ganz Erdhaft-Physischem in Kontakt bringen. Das kann zum Beispiel die ebenfalls schon erwähnte Gartenarbeit sein, aber auch etwas wie Trommeln und Singen. Gerade das Singen findet in Ihrem Körper statt, nutzt diesen, um Töne zu erzeugen. Wer singt, tritt immer auch in Kontakt zu sich selbst. Zeit für ein Liedchen unter der Dusche. 🙂
  • Suchen Sie gezielt nach körperlichen Aktivitäten, um unser so bildschirmlastig gewordenes Dasein auszugleichen. Welche Möglichkeiten gibt es dafür in Ihrem Beruf und in Ihrem Alltag? Was würde Sie persönlich interessieren?
  • Bemühen Sie sich stets darum, Ihren Körper wahrzunehmen. Ich zum Beispiel als stark visuell denkender Mensch stelle mir so etwas als Dialog und Gespräch vor. Mein Körper hat eine eigene Stimme und redet mit mir, so wie ich mit ihm rede. Sie können aber auch zu einem sogenannten Body-Scan greifen. Dabei wandern Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit von Körperteil zu Körperteil, meist in einer bestimmten Reihenfolge. Sie spüren in jeden Körperteil hinein: Wie fühlt er sich an? Wie geht es ihm? Dann wandern Sie weiter. EFT-Klopfen hilft. Körperorientierte Meditationsformen wie die Gehmeditation hatte ich schon erwähnt. Es gibt Meditations- und Yoga-Übungen, die sich speziell dem ersten Chakra oder Wurzel-Chakra widmen. Das ist in etwa die Stelle unseres Steißbeins, wo unser Schwanz ansetzen würde, wenn wir noch einen hätten. Fragen Sie Ihren Meditations- oder Yoga-Lehrer danach. Auch damit richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach unten, auf Ihre Balance haltende Mitte.

Am allerwichtigsten ist es aber, Ihren Körper als Teil Ihres Ichs überhaupt wahrzunehmen und zu begreifen, statt sich nur als Verstand, Vernunft, Wille, Geist, Seele oder Ähnliches zu sehen. Der Mensch ist eine Einheit aus all diesem. Weder ist das Kopforientierte wichtiger als alles andere noch der Körper. Sich zu erden bedeutet, diese Ganzheit anzustreben, indem man dem Kopf Körper und Physisches anzugleichen versucht.

3. Entlasten Sie Ihren Geist

Beruhigen Sie Ihren für uns Menschen so typischen „Affengeist“, wie dieser im Buddhismus heißt. Sich unruhig immer neuen Gedanken hinzugeben kann Sie ebenfalls von „erdhafteren“ Wahrnehmungen abhalten. Dazu könnten Sie sich zum Beispiel in Folgendem üben:

  • Beobachten Sie sich selbst von außen. Versuchen Sie zu erkennen, wenn Sie wieder in eine „Gedankenschleife“ abdriften. Bemühen Sie sich dann, zur Ruhe zu kommen. Dazu können Sie mit Visualisierungen arbeiten, sich zum Beispiel vorstellen, wie diese Gedanken Sie verlassen, davonschwimmen, immer weniger werden. Oder Sie können sich ans Fenster stellen, Sauerstoff tanken, einmal ordentlich durchatmen. Meditationsübungen helfen, auch bestimmte Atemtechniken. Sie können wieder Mobilisationsübungen machen. Sie können sich grundsätzlich bemühen, gelassener zu werden, Ihre Gedanken und Gefühle als beliebig zu erkennen und sich ihnen nicht auszuliefern. Und vieles mehr. Vielleicht haben Sie auch eigene Ideen?
  • Üben Sie sich darin, häufiger etwas nicht zu wollen, einfach anzunehmen, zu sein. Wünsche, Ziele, Pläne sind eine erstklassige Methode, sich bevorzugt mit seinem Kopf zu beschäftigen. Das gilt natürlich auch für Grübeleien, Ärger, Ärgste, Sorgen. Ein gutes Emotionsmanagement kann hier helfen, ebenso wie natürlich, schlicht die Ursachen für die letztgenannten Dinge abzustellen ;-).
  • Bauen Sie, wo Sie können, Stress, Hektik, Überlastung und Gerenne ab. Wenn Sie permanent 150 Prozent geben und „zum Helden der Überstunden“ werden, war’s das mit dem Erden – und leider auch oft mit der Gesundheit. Schauen Sie, ob Sie Möglichkeiten haben, Ruhe-Inseln einzubauen. Nutzen Sie diese fürs Erden.

4. Nehmen Sie’s wörtlich

Natürlich können Sie das Wort „Erden“ auch wörtlich nehmen und zum Beispiel

  • sich auf ein Kissen aus Gras setzen (Tipp einer Leserin)
  • sich mit Tieren umgeben und / oder in der Natur aufhalten
  • immer wieder den Kontakt zum Boden suchen, wippen, bewusst gehen
  • sich schon erwähnte „erdhafte“ Hobbys wie Kochen oder Gartenarbeit zulegen
  • die Natur nachahmen und Körper- oder Yoga-Übungen machen, bei denen Sie zum Beispiel wie ein Baum verwurzelt stehen und sich doch frei im Wind hin und her wiegen oder wie ein Berg standhaft stehen und sich auf Ihre Mitte konzentrieren (fragen Sie Ihren Yoga-Lehrer danach oder lesen Sie entsprechende Bücher).

Ganz aktuell habe ich auf Spiegel Online gelesen, dass Hamburger Schulen als „Zappelphilipp“ verschrieenen Kindern mit Sand gefüllte Westen geben. Die Kinder sollen begeistert sein. Die Westen scheinen ihnen zu helfen, sich besser zu spüren, ihre Arme und Beine nicht mühsam kontrollieren zu müssen und ganz bei sich sein zu können. Auch eine Form von „erden“. 😉

Kurs- und Buchtipp:

Workbook: So finden Sie Ihre innere Ruhe
Seminar: ‚Böse sein‘ für Anfänger

Lesetipp:

Artikel: 12 Tipps, wie Sie mehr freie Zeit gewinnen
Artikel: 10 kreative Entspannungsmethoden
Artikel: 13 Tipps, wie Sie Geduld lernen
PDF: Meditationsübungen

Literaturtipp:

Susan Marletta-Hart: Leben mit Hochsensibilität
Rolf Sellin: Bis hierher und nicht weiter. Zentrieren, Grenzen setzen und gut für sich sorgen.

© 2017 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 10.12.17