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Verzeih dir selbst

Viele Menschen hadern mit ihrem Leben und machen sich Vorwürfe: Warum habe ich nur dies getan oder jenes nicht getan? Manche finden dann Trost in religiösen, spirituellen, metaphysischen oder philosophischen Betrachtungen. Ich selbst finde eine kleine Bärengeschichte ganz anschaulich für den Gedanken „verzeih dir selbst“.

Manchmal fällt es Teilnehmern meines Seminars „‚Böse sein‘ für Anfänger“ wie Schuppen von den Augen: „Wie konnte ich nur so dumm sein? Wie konnte ich“, zum Beispiel, „mir nur all das antun, wie konnte ich“, zum Beispiel, „meine Beziehung, meinen Beruf, mein Leben so ruinieren?“ Das kann bei ihnen zu motivierten Veränderungen führen, aber auch zu Wut im Bauch und quälenden Selbstvorwürfen. So habe ich das auch an mir erfahren.

Kennen Sie solche Reaktionen auf Ihr Leben? Wie gehen Sie um mit den Betrachtungen, die Sie über Ihr Leben, Ihr Verhalten, Ihre Entscheidungen, Ihre Fehler anstellen? – Natürlich nur, wenn Sie solche Betrachtungen anstellen: Etliche Menschen blocken ab, schieben anderen in die Schuhe oder machen ausschließlich die Verhältnisse verantwortlich. Wieder andere Menschen sagen – ehrlich gemeint oder zur Selbstberuhigung –, es war alles gut so.

* Tröstet es Sie zum Beispiel, die Hand (eines) Gottes hinter den Dingen zu sehen?
* Verstehen Sie diese eher spirituell als Aufgabe oder Herausforderung für die Seele?
* Versuchen Sie, etwas Positives bei allem auszumachen? (Reframing, pos. Denken)
* Betrachten Sie die Ereignisse im Leben metaphysisch als „alles hat (s)einen Sinn“?
* Nehmen Sie sie philosophisch als „wer weiß, wofür es gut war“?
* Erproben Sie sich gar in der hohen Kunst, sich jeder Interpretation zu enthalten?

Oder neigen Sie dazu, wie gesagt, sich mit Vorwürfen zu quälen? Dann ist dies für Sie.

Mir fällt dazu eine kleine Geschichte ein: Vor einiger Zeit habe ich im Fernsehen eine Reportage über Bären in Alaska gesehen. Unter anderem zeigte der Film, wie ein halbwüchsiger Bär sich ziemlich tolpatschig beim Fischfangen anstellte. Der Kommentar dazu lautete in etwa: Mama Bär konnte ihrem Sohn offenbar nicht sämtliche Feinheiten im Fischfang beibringen, und das ist jetzt das Ergebnis. Der Bär tut vielleicht gut daran, sich auf andere Nahrung zu verlegen. 😉

Nun lassen wir mal außer Acht, wer an dem Malheur schuld ist – dazu gleich mehr -, Mama Bär, Sohnemann Bär oder die Verhältnisse. Und lassen wir auch außer Acht, ob Sohnemann Bär nicht noch irgendwann von selbst den richtigen Fischfang lernen kann.

1) Ich fand diese kleine Szene in ganz anderer Hinsicht erhellend.

Wir neigen dazu, das Leben aus der Rückschau zu betrachten und zu bewerten. Aber wir können es nun mal nur vorwärts leben. Das ist ein Grundkonflikt unseres Gehirns.

Das bedeutet: Viele Dinge haben wir nach damals bestem Wissen und Gewissen getan. Wenn wir es nicht besser konnten, dann, weil wir waren wie der kleine Bär: Wir haben es nicht anders gelernt. Während unserer Vorwärtsbewegung durch das Leben stand die Lektion „richtiger Fischfang“ einfach noch nicht (gut genug) auf dem Plan.

Wir können nur das tun und leben, was wir selbst erkannt, gelernt und verinnerlicht haben. Diese Zeitkomponente verlieren wir bei späteren Betrachtungen oft aus dem Auge.

2) Und auch die Schuldfrage ist schwierig und deshalb oft müßig. Wer ist schuld daran, dass der Bär den Fischfang noch nicht (gut genug) gelernt hat?

War es Mama Bär, weil sie vielleicht keine gute Lehrerin war oder selbst nicht fischfangen konnte? War es der Sohn, weil er vielleicht kein guter Schüler war oder seine Mutter nicht richtig verstand? Waren es die Verhältnisse, weil es vielleicht zu wenig Fische zum Üben oder zu wenig Zeit für ungestörten Unterricht gab?

Schon der niederländische Philosoph Spinoza (1632–1677) argumentierte: Wir sind nicht absolut selbstbestimmt; wir werden von äußeren Voraussetzungen und inneren Anlagen geleitet. Heute würde man dazu wohl sagen: Prägung, Erziehung, Erfahrung, mentale Muster und persönliche Wahrnehmungsfilter, Automatismen und Gewohnheiten, Gefühle, Werte, Prioritäten … – die Liste dessen, was allein auf unser Inneres einwirkt, ist lang.

Statt einer Suche nach Schuld und Sühne wäre es bei vielen Dingen im Leben vielleicht besser

  • von falschen Ansprüchen herunterzukommen und sich selbst zu verzeihen
  • sich mit seiner Lebensgeschichte und seinem Leben anzufreunden
  • und nicht nach dem perfekten Lebenszustand zu trachten.

Dazu darf man natürlich auch gern

  • ggf. Geschädigte um Entschuldigung bitten u. ggf. Wiedergutmachung leisten
  • für die Zukunft überlegen, was man daraus lernen und ändern will.

Dann können wir uns die Selbstvorwürfe genauso sparen wie die Schuldzuweisungen an andere oder das Nicht-Ertragen-Können eigener Schuld. Menschen haben Fehler und Menschen machen Fehler. Und bei aller persönlichen Entwicklung wird das wohl immer so bleiben.

Wie schon erwähnt, es hat ja keiner gesagt, dass der kleine Bär nicht noch den Fischfang lernen kann. Und wenn nicht – vielleicht wird er ein großer Honigsammler. Wer weiß das schon … 🙂

[Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das ist, wie bei allen meinen Artikeln, kein Freibrief für fremdschädigendes Verhalten.]

© 2016 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 29.02.16