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Von Katzen lernen

Längst hat die Katze den Hund in der Statistik des gefragtesten Haustieres überrundet. Und ihre Zahl in deutschen Haushalten nimmt weiter rapide zu. Vielleicht auch, weil wir sie für viele ihrer Eigenschaften bewundern, zumindest einige davon gern selbst leben würden? Ich habe mir auf Gutdünken einiges herausgegriffen und wage einen Vergleich. 🙂

Was ist der Deutschen beliebtestes Tier? Die Katze. Über 13,5 Millionen Katzen leben heute in deutschen Haushalten und ihre Zahl wächst munter weiter. Der Hund folgt mit etwa 8,6 Millionen auf dem zweiten Platz, auch wenn er häufiger als die Katze in Einzelhaltung lebt und daher vielleicht noch die Mehrheit der Haushalte beherrscht.

Katzen sind keine Engel und keine Heiligen. Mobbing, Schikane, Gewalt und andere ungute Erscheinungen gibt es auch unter Katzen. Prügelknaben werden gesucht, neue Mitkatzen nicht geduldet, Langeweile kann in Aggressionen enden. Ich habe selbst eine Katze aus einem Mehrkatzenhaushalt geholt, die regelmäßig gemobbt und immer wieder von anderen Katzen verprügelt wurde. Lange Zeit hatte sie mit Alpträumen und Angstattacken zu kämpfen.

Doch von einigen kätzischen Eigenschaften und Verhaltensweisen könnten wir uns vielleicht inspirieren lassen und lernen, könnte Kätzisches den Finger auf menschliche Wunden legen. Vielleicht hat sich auch deshalb die Katze in unsere Herzen geschlichen? Weil wir sie für das bewundern und lieben und um das beneiden, was sie ist?

Ein paar Gedanken und eine Hommage an die Fellnasen. 🙂

Der Freigeist

Ich bin eine freie Katze: Hunde und Nutztiere wurden vom Menschen gezähmt und zu bestimmten Zwecken domestiziert. Die Katze schloss sich uns Menschen aus eigenen Stücken an, um von unseren von Mäusen heimgesuchten Kornkammern zu profitieren. Eine Beziehung auf Augenhöhe und Win-Win-Basis. Sie entwickelte sogar ein eigenes Gen fürs Zahm-Sein.

Ich bin freiwillig hier: Noch heute haben Katzen ihren eigenen Kopf. Wenn es ihnen bei ihren Haltern nicht mehr gefällt und wenn sie können, futtern sie sich bei anderen Dosenöffnern durch oder wechseln gleich ganz das Zuhause. Und wir bewundern sie für ihren freien Geist.

Die Unabhängige

Ich unterwerfe mich nicht: Hunde wollen dem Alphatier und Rudelführer gefallen, Menschen können dies ausnutzen und missbrauchen. Bei Katzen gibt es zwar ebenfalls eine soziale Rangordnung, doch in uns Menschen sehen sie eher die Mama-Katze, die man um den Finger wickeln kann, sie lassen sich nicht abrichten und unterwerfen.

Ich lasse mich nicht zwingen: Man kann Katzen auch nicht zu etwas zwingen, was sie nicht tun wollen, sie nicht unter Druck setzen. Sie werden eher mit Verhaltensauffälligkeiten und -problemen reagieren, als sich zu fügen und sich selbst Gewalt anzutun.

Das Naturkind

Ich bin okay: Es gibt schüchterne, ängstliche und fordernde, dominante Katzen. Katzen mit wenig Selbstvertrauen oder zu viel Selbstbewusstsein. Aber es gibt keine Katze mit dem, was uns Menschen oft so zu schaffen macht – mit einem schlechten Selbstwertgefühl.

Ich bin nicht böse: Katzen kennen auch keine Schuld oder Scham. Man kann ihnen zwar durchaus innerhalb eines gewissen Rahmens beibringen, was sie dürfen und was nicht. Aber sie werden sich niemals für „böse“ halten und darüber womöglich Komplexe bekommen.

Die Würdevolle

Ich lasse mich nicht bestrafen: Katzen lernen kaum oder gar nicht über Strafe. So etwas ruiniert nur die Mensch-Katze-Beziehung. Für Lob, Belohnung und positive Verstärkung sind sie dafür umso empfänglicher. Eine Erziehungsmethode, die auch uns selbst guttun würde.

Ich lasse mir nichts gefallen: Katzen zeigen glasklar an, wenn ihnen etwas nicht passt und sie unter einer Situation leiden. Sie machen keine gute Miene zum bösen Spiel. Vom Menschen wieder als Verhaltensauffälligkeit gedeutet, sind dies Notsignale, die gelesen werden sollten.

Die Selbstfürsorgliche

Ich heile mich: Katzen haben eine eingebaute „Hausapotheke“. Mit ihrem Schnurren tun sie nicht nur uns gut, sie beruhigen und heilen damit auch sich selbst. Bei uns Menschen sind diese Selbstheilungskräfte leider oft verschüttet oder kommen nicht zum Zuge.

Ich pflege mich: „Katzenwäsche“ ist erheblich mehr als nur die sprichwörtlich flüchtige Pflege. Katzen putzen und waschen sich täglich mehrere Stunden lang, sind sehr reinliche Tiere. Frei nach dem Motto: „Ein gesunder Geist nur in einem sauberen, gut gepflegten Körper.“

Ich sorge für mich: Katzen sorgen meist gut für sich. Sie gehen dahin, wo es ihnen gut geht, und achten auf das, was ihnen guttut. Dazu gehört auch eine gute Selbstwahrnehmung, um zu spüren, was das Richtige für sie ist. Sie fügen sich in der Regel nicht selbst Schaden zu. Tun sie es doch, ist es wieder ein Zeichen dafür, dass sie unter etwas leiden.

Die Anspruchsvolle

Ich bin ein Genießer: Katzen genießen es sichtlich, gekämmt, gebürstet, gekrault und massiert zu werden. Was wir Menschen erst mit Wellness erfinden mussten, betreiben Katzen seit Jahrtausenden hingebungsvoll und verwöhnen sich damit gegenseitig. Inspirierend.

Ich bin anspruchsvoll: Wenn sie können, sind Katzen auch gern anspruchsvoll. Es wird der Ort aufgesucht, der die richtige Temperatur hat, das Essen gewählt, das so schmeckt, wie sie es mögen, und das ihnen das gibt, was sie gerade brauchen, gern möglichst abwechslungsreich. Wenn das nicht wieder Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge in Reinform ist.

Ich sorge für meine Bedürfnisse: Wenn es ihnen möglich ist, sind Katzen überdies sehr erfinderisch darin, ihre Bedürfnisse auch bei anderen anzumelden. So haben die sonst eher körperlich Kommunizierenden zum Beispiel eine eigene Lautsprache für uns Zweibeiner entwickelt, vom unwiderstehlichen Kleinkindmaunzen bis zum nächtlichen Schreiterror. 🙂

Die Gelassene

Ich brauche Ruhe: Katzen sind ein Sinnbild für Ruhe und Gelassenheit. Schon eine Katze zu sehen, lässt uns Menschen ein bisschen entspannter werden. Katzen vertragen weder Stress, Hektik, Lärm, Streit noch andere „atmosphärische Störungen“. Darin können die sensiblen Tiere uns Vorbild sein in unserer immer hektischer werdenden Welt und angesichts des hohen Aggressions- und Gewaltpotenzials von uns Menschen.

Ich brauche Erholung: Während wir Menschen seit der Erfindung von künstlichem Licht und dem Aufkommen des Industriezeitalters oft immer weniger schlafen – mit entsprechenden Folgen, sind Katzen wahre Schlafmützen. Je nach Quellenangabe schlafen und ruhen Katzen 12 bis 20 Stunden am Tag, Kitten und Senioren noch mehr.

Ich lasse mich nicht hetzen: Katzen kennen auch keinen Anspruchs- und Leistungsstress. Keine Katze würde zum Beispiel 150% geben wollen, wenn auch 100% ausreichen – oder weniger. Ein solches Motto, wie ich es einmal auf der Webseite einer Tierärztin gesehen habe, ist leider eher typisch Mensch. Eine Katze holt oder erjagt sich, was sie braucht, und gut ist.

Wie schon erwähnt: Katzen sind keine Engel. Und natürlich lässt sich das Kätzische nicht 1:1 auf uns Menschen und unsere Welt übertragen. Doch Katzen halten uns einen Spiegel vor. Einen Spiegel, dass es vielleicht auch anders gehen könnte. Und es könnte uns vielleicht guttun, von Zeit zu Zeit von diesem Spiegel zu lernen. Wenn Sie mögen, vergleichen Sie doch selbst einmal – mit Katzen oder anderen Lieblingstieren. 🙂

© 2018 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 18.07.18