Bleiben Sie auf dem Laufenden:  
Schon über 500 Artikel und PDFs  
Newsletter lesen »   



24 Übungen für ein besseres Vorstellungsvermögen

Fantasie ist gut für einen Autor, um fiktive Welten zu erschaffen. Visualisierungen sind gut in der Kreativität, um systematischer oder aber freier zu denken. Unsere inneren Bilder sagen viel über unser Unbewusstes, unsere Gedanken und Gefühle aus. Und äußere Bilder können buchstäblich Ekel auslösen oder beruhigen. Lernen Sie, wie Sie Vorstellungskraft und Visualisierungsvermögen schulen.

Neulich fragte mich ein Leser, ob ich Methoden kenne, wie er seine Vorstellungskraft verbessern könne. Er sei Heilpraktiker und wisse, wie hilfreich Visualisierungen seien. Doch wenn er selbst die Augen schließe, bleibe alles schwarz. Nur durch bewusste, entspannte Konzentration würden die ersten Bilder auftauchen. Auch die Teilnehmerin einer Meditationsrunde hatte Schwierigkeiten, sich Dinge vorzustellen und „Bilder“ zu sehen.

Daher habe ich ein paar Übungen zusammengestellt, wie Sie Ihre Vorstellungskraft trainieren.

Die meisten Menschen denken in Bildern, das muss aber nicht so sein

Achtung: Die meisten Menschen denken in Bildern und stellen sich etwas primär bildlich vor. Für sie sind Vorstellungskraft und Visualisierung identisch. Doch das muss nicht so sein.

Zum einen können auch andere Sinneskanäle beteiligt sein, ein bekanntes Beispiel: Der Duft von einem frisch gebackenen Apfelkuchen kann Erinnerungen an die Kindheit auslösen, in der man einen solchen Apfelkuchen bekommen hat. Diese Erinnerungen können als Bilder im Geist entstehen. Man kann aber auch die begleitenden Gefühle, Gerüche, den Geschmack oder Ähnliches wahrnehmen / als Erinnerung „in den Kopf bekommen“.

Zum anderen gibt es Menschen, denen es, wie oben erwähnt, sehr schwer fällt, sich etwas bildlich vorzustellen. Vielleicht sind bei diesen Menschen dann andere Sinneskanäle stärker ausgeprägt. Und es gibt sogar Menschen, die sogenannten Synästhetiker, die mehrere Wahrnehmungsformen verbinden und zum Beispiel eine Zahl gleichzeitig als Zahl, als Farbe, in ihrer Position im Raum oder Ähnliches wahrnehmen.

Ich selbst denke sehr stark visuell, unter anderem deshalb haben meine Texte auch so gut wie keine Abbildungen. Ich brauche sie nicht beziehungsweise fühle mich sogar von ihnen abgelenkt. Das scheint allerdings auch den Vorteil zu haben, dass selbst Blinde gut mit meinen Texten klarkommen, weil ich, wie ich manchmal als Rückmeldung bekomme, offenbar so schreibe, dass sie keine Abbildungen brauchen.

Ich beschränke mich in diesem Artikel also auf alles, was die Visualisierung fördert, das Denken und Vorstellen in Bildern. Versuchen Sie ggf., das auf andere Wahrnehmungsformen zu übertragen oder recherchieren Sie nach weiteren Anregungen.

Welchen Nutzen haben Sie von einem guten Vorstellungsvermögen?

Warum machen wir uns eigentlich die Mühe? Wobei kann ein gutes Vorstellungsvermögen hilfreich sein, wie es mein Leser formulierte? Ich nenne mal ein paar Beispiele:

Beim Schreiben: Für Autoren von fiktionaler Literatur ist es sehr wichtig, ihre im Kopf erdachte Welt so klar wie möglich vor Augen zu haben. Umso glaubwürdiger und authentischer werden sie schreiben. Aber auch bei Sachtexten kann Vorstellungskraft nützlich sein, zum Beispiel, wenn Sie, wie ich, „pädagogisch motiviert“ schreiben und Sie ihren Leser an die Hand nehmen, ihn ohne Stolpern auf ein zu begreifendes Lernziel hinführen wollen.

Für die Kreativität: Auch bei Kreativitätstrainings wollen verschiedene Methoden helfen, Gedanken, Ideen und so weiter zu visualisieren, zu „verstofflichen“. So kann man entweder seine Gedanken besser erkennen und trennen, strukturierter und zielgerichteter denken. Oder man kann im Gegenteil die Gedanken freier fließen lassen und den inneren Zensor ausschalten. Hier habe ich mal ein paar entsprechende Kreativitätsmethoden für Sie:

Um Alternativen und Möglichkeiten zu sehen: Wir Menschen haben in der Regel einen selektiven Blick. Was wir uns nicht vorstellen, nicht „sehen“ können, das liegt für uns oft auch nicht im Bereich des Denkbaren, Möglichen. Unsere Gedanken und Wahrnehmungen folgen unserer Blickrichtung. Umgekehrt sehen wir aber viele neue Dinge, Möglichkeiten, wenn wir unsere Blickrichtung ändern. Ein Beispiel: Als ich vor bald zehn Jahren den Entschluss fasste, mich selbstständig zu machen, fielen mir plötzlich überall passende Angebote und Informationen ins Auge. Vorher habe ich sie einfach nicht wahrgenommen.

Um die eigenen Gedanken, Muster und Verhaltensweisen zu schulen: Unsere Gedanken erzeugen Gefühle, aber auch unsere mentalen Bilder erzeugen Gefühle. Und diese Gefühle wiederum können entsprechende Verhaltensweisen auslösen. Wenn Sie Ihr Verhalten ändern wollen, macht es oft Sinn, an den eigenen Gedanken und „Bildern“ anzusetzen. Methoden wie das Neurolinguistische Programmieren (NLP) wollen diese Bilder ändern und beeinflussen. Mir selbst sind Formen der Selbsterkenntnis und Selbstreflektion wie zum Beispiel bei Meditation, Selbstbeobachtung oder Schreiben lieber – und vertrauter, passender.

Um in Kontakt mit Ihrem Unbewussten zu treten: Unser Unbewusstes, unser Selbst äußert sich oft auf eher symbolische Art. Tagträume, Träume, Geschichten, Mythen, Projektionen, Fantasien, Zeichen oder Symbole, die einen berühren, Bilder, die man „sieht“ – in all dem können „Botschaften“ aus unserem inneren Kern verborgen sein. Das gilt natürlich auch für ihre entsprechenden Ausdrucksformen wie Schreiben, Malen, Kommunizieren und Gestalten.

Um Geist und Körper zu heilen: Sowohl äußere wie innere Bilder lösen in uns messbare physiologische Reaktionen aus. Ein Schreckensbild kann zu gesträubten Haaren und Angst führen, ein angenehmes Bild beruhigen, entspannen. Manche Therapeuten, Heilpraktiker und so fort arbeiten deshalb auch gern mit „heilsamen Visualisierungen“ und versuchen, für ihre Klienten / Patienten passende heilsame (äußere oder innere) Bilder zu finden.

Diese Übungen helfen Ihnen, Ihre Vorstellungskraft zu verbessern

Schritt 1: Trainieren Sie Ihre Wahrnehmung

Je besser Ihre Wahrnehmung ist, desto intensiver wird auch Ihr Vorstellungsvermögen sein.

Übungsvorschläge:

  • Schauen Sie aus dem Fenster. Studieren Sie den Baum gegenüber, seine Blätter. Konzentrieren Sie sich auf eines davon. Oder lassen Sie im Gegenteil den Baum als Ganzes und seine Bewegungen im Wind auf sich wirken. Können Sie das Spinnennetz an Ihrem Fenster sehen? Sehen Sie, wie es sich im Wind bäumt und dehnt?
  • Betrachten Sie den Raum, in dem Sie sich befinden: Welche Gegenstände sind grün?
  • Wie sieht Ihre Katze aus, wenn sie läuft?

Schritt 2: Trainieren Sie Ihre Erinnerung

Je besser Ihr Erinnerungsvermögen ist, desto besser können Sie sich das, was Sie wahrgenommen haben, wieder ins Gedächtnis rufen.

Übungsvorschläge:

  • Versuchen Sie, sich so viele grüne Gegenstände wie möglich zu merken.
  • Führen Sie ein Traumtagebuch und halten Sie Ihre Träume fest.
  • Schauen Sie sich alte Fotos Ihrer Katze an.

(Anmerkung: In der Kreativität hilft es oft, etwas zu verfremden. So auch hier. Es mag leichter sein, ein aus der Distanz betrachtetes, unbewegliches Foto vor Augen zu haben, als die dazu gehörige Szene, hier die Katze.)

Schritt 3: Rufen Sie sich Ihre wahrgenommenen Bilder in Erinnerung

Versuchen Sie nun, sich das, was Sie wahrgenommen haben, wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Übungsvorschläge:

  • Rufen Sie sich einen Baum in Erinnerung, vielleicht auch verschiedene Baumarten.
  • Wie war das mit dem (von mir vorgeschlagenen) Spinnennetz? Können Sie es auch mit geschlossenen Augen sehen?
  • Und die (ebenfalls von mir vorgeschlagene) Katze? Können Sie eine kleine, wahrgenommene Szene vor Ihrem geistigen Auge sehen? Zum Beispiel die leichten x-Beine, die Wellen, die sich vom Kopf bis zum Schwanz durch das Fell und über den Körper bewegen, wenn Ihre Katze sich in leichten Trab setzt?

Schritt 4: Verändern Sie die wahrgenommenen Bilder

Die Vorstellungskraft geht über bloße Erinnerung hinaus. Sie verändert, erschafft, greift in die Zukunft. Machen Sie es ihr nach.

Übungsvorschläge:

  • Spielen Sie in Gedanken mit dem Baum. Setzen Sie ihm etwa einen Weihnachtsstern auf oder geben Sie ihm Arme und lassen Sie ihn damit den Wind peitschen.
  • Ihr tatsächliches Spinnennetz war leer? Erschaffen Sie dann die Spinne dazu.
  • Die Katze hat in Wirklichkeit ihren Schwanz einfach schleifen lassen? Dann lassen Sie diesen nun muntere Kringel in die Luft zeichnen.

Schritt 5: Erzeugen Sie neue mentale Bilder

In Schritt 4 haben Sie die Bilder abgeändert. Versuchen Sie jetzt, neue Bilder zu erschaffen.

Übungsvorschläge:

  • Überlegen Sie, wie Sie die Pflanzen in Ihrem Zimmer neu anordnen können.
  • Nehmen Sie an einer Phantasiereise teil und versuchen Sie, deren „Bilder“ und Beschreibungen vor dem geistigen Auge zu sehen.
  • Tagträumen Sie und verpassen Sie der Katze ein dickes, fettes Grinsen ins Gesicht. 😉

Schritt 6: Aktivieren Sie Ihre Fantasie und erschaffen Sie Neues

Auch hier können Sie gern wieder äußere Hilfsmittel nutzen und sich davon leiten lassen. Doch versuchen Sie jetzt, über äußere Anlässe und Rahmen hinauszugehen.

Übungsvorschläge:

  • Stellen Sie sich vor, Sie erben einen Bauernhof: Wie wollen Sie den alten Hofgarten neu gestalten?
  • Nehmen Sie die Muschel oder ein anderes Mitbringsel aus dem letzten Urlaub in die Hand: Wie könnte Ihr nächster Urlaub dort aussehen? Was wollen Sie sehen oder tun?
  • Versuchen Sie, die Welt aus der Perspektive Ihrer Katze zu sehen: Was könnte sie über die Mittagshitze denken? Wie mag Ihre Katze das Spinnennetz sehen?

Schritt 7: Nutzen Sie weitere äußere Hilfsmittel

Gibt es Dinge oder Methoden, die grundsätzlich Ihre Vorstellungskraft steigern? Dann greifen Sie ggf. gezielt zu ihnen. Finden Sie Ihre ganz eigenen „Auslöser“ oder „Verstärker“.

Übungsvorschläge:

Schritt 8: Äußern Sie sich „ins Außen“

Wie ich oben schon erwähnte, ist Vorstellungskraft auch mehr als reine Fantasie. Über Visualisierungen und Vorstellungsvermögen können Sie in Kontakt mit sich selbst und Ihrem Unbewussten treten. Dabei kann wieder eine „Verfremdung“ helfen: Äußern Sie sich sozusagen „ins Außen“ und klopfen Sie diese Äußerungen auf Botschaften über sich selbst ab.

Übungsvorschläge:

  • Schreiben, malen, gestalten Sie. Nehmen Sie sich ein Thema oder bringen Sie sich in eine „meditativ-reflexive“ Stimmung und malen Sie anschließend einfach drauflos. Das, was Sie produzieren, muss nicht, kann aber etwas über Sie aussagen: Welche Farben Sie gerade mögen. Welche Werte Ihnen (gerade) wichtig sind. Woran Sie intensiver gedacht oder was Sie genauer wahrgenommen haben. (Nämlich Ihre Katze.) Usw. Üben Sie anschließend auch die Interpretation.
  • Sprechen Sie mit jemandem über das, was Ihnen gerade auf dem Herzen liegt oder Sie beschäftigt. Auch im Dialog wird sich Ihr Unbewusstes entfalten und sich in Spuren äußern. Je besser Ihre Selbstbeobachtung / Beobachtungsgabe und Ihr Erinnerungs-vermögen sind, desto mehr wird Ihnen über sich selbst auffallen. Bitten Sie ggf. auch andere um Feedback.
  • Achten Sie auf Ihre Träume, Wünsche, Fantasien, aber auch auf Ihre Projektionen, Ratschläge und so weiter. (Also auf das, was Sie im anderen sehen bzw. dem anderen mitgeben wollen.) Auch in diesen Dingen drücken sich Ihre Vorstellungskraft wie ganz buchstäblich Ihre Vorstellungen aus.

Oder anders formuliert: Die Bilder, die Sie sehen, sagen sehr viel aus über die Art, wie Sie denken und fühlen. Vorstellung und Visualisierung sind eben doch oft eins. Und damit wären wir wieder am Anfang. 😉

Kurstipps

„Kreatives Denken leicht gemacht“

„Kreativ Schreiben lernen. Spielerisch ins Schreiben kommen.“

„Mit Sprache spielen und Herzen berühren. Fesseln Sie Ihre Leser …“

© 2014 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 26.05.14