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Für viele Frauen ist es normal, sich um andere zu kümmern, sich zu engagieren, zu helfen. Viele Frauen neigen auch dazu, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse weniger wichtig zu nehmen, ja, zu verleugnen. Doch manchmal kann das massive selbstschädigende Formen annehmen – etwa bei einem sogenannten Brave-Tochter-Syndrom. Übrigens: Das gilt auch für manche Männer. 😉 Lesen Sie mehr.

Die Autoren des Buches „Das Brave-Tochter-Syndrom … und wie frau sich davon befreit“ sind Pädagogen, Theologen, Berater (sie) und Therapeuten (er). Beate Scherrmann-Gerstetter ist eine „typische brave Tochter“. Sie schreibt die ersten beiden Kapitel des Buches, in denen sie die positiven und negativen Folgen eines solchen „Syndroms“ aufzählt, vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung. Ihr Mann Manfred Scherrmann schreibt die übrigen Kapitel aus der Sicht eines begleitenden Therapeuten, ergänzt um Fallgeschichten seiner Patienten.

„Brave Töchter“, das sind die, die immer ein bisschen zu viel an andere denken und für andere sorgen, und ein bisschen zu wenig an sich selbst denken und für sich selbst sorgen – bis es zur Krise kommt. Dann kann die brave Tochter völlig überraschend regelrecht „böse“ werden, so lange, bis sie sich ihrer selbst bewusst wird und sich selbst findet.

Mit ihrem Buch wollen die Autoren an vielen Beispielen zeigen, woher das „Brave-Tochter-Syndrom“ kommt, was dazu führen kann und wie man es ändern oder lösen kann.

Aus dem Inhalt:

Kapitel 1: Das erfüllte Leben braver Töchter

Brave Töchter sind im ständigen Einsatz für andere: Für die Familie, für Freunde, im Beruf, im Ehrenamt und in der Kirche. Sie sind sehr fürsorglich, hilfsbereit, engagiert, ihre eigenen Bedürfnisse sind ihnen nicht so wichtig. Ihre Aufmerksamkeit gilt permanent den anderen, an sich selbst denken sie zuletzt. Es treibt sie dazu, für andere da zu sein, ja, sogar andere mehr zu lieben als sich selbst.

Sie sind auch brav im Sinne von englisch „brave“, also tapfer, tüchtig, mutig, stark. Sie haben gelernt, Stärke auszustrahlen, allein zurechtzukommen, und sie mobilisieren erstaunliche Reserven, sobald sie anderen helfen können.

Das alles fühlt sich für eine brave Tochter durchaus gut an, sie ist glücklich – solange dieses System funktioniert.

Übrigens können Männer ebenfalls „brave Töchter“ beziehungsweise „brave Söhne“ sein, auch wenn dieses Phänomen bei Frauen deutlich häufiger zu finden ist.

Kapitel 2: Die Kehrseite

Eine brave Tochter zu sein, hat allerdings auch seine Schattenseiten: Ständige Hetze, Aktivität und Stress, immer kurz vor der Überforderung stehen. Ständiger innerer Druck und Perfektionismus, um für andere da zu sein. Konflikte mit Mitmenschen, die sich übermäßig „betütelt“ fühlen. Probleme mit Kritik, die als Kritik an der Person verstanden wird. Unausgesprochene Erwartungen. Uneingestandene Schwächen. Schwierigkeiten, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen.

Es kommt oft zu Krisen, die meist eine lange Vorgeschichte haben. Diese Krisen nehmen häufig folgende Formen an: Burnout, Krankheiten, Beziehungsprobleme, sowie Depressionen und Ängste, nicht mehr gebraucht zu werden und überflüssig zu sein.

Kapitel 3: Die Hintergründe

Wie kann es zu einem „Brave-Tochter-Syndrom“ kommen?

Vor allem älteste Kinder und Mädchen neigen dazu, eine Rolle des „Tragens und Ausgleichens“ zu übernehmen. Erst recht, wenn sie beides zugleich sind.

Viele dieser Töchter kommen unter anderem aus Familien mit belastenden Erfahrungen, haben eine schwierige Kindheit, versuchen, den Eltern zu helfen und sie zu stützen, sind mit vielen Verboten erzogen worden, haben gelernt, dass ihre eigenen Bedürfnisse unwichtig sind, haben gelernt, sich anzupassen, zu gehorchen und lieb zu sein, haben ihre Probleme als Kind oft allein bewältigen müssen, hatten oft niemanden, an den sie sich anlehnen konnten, haben mit innerer Unsicherheit und geringem Selbstwertgefühl zu kämpfen.

Kapitel 4: Die brave Tochter als Ehefrau und Mutter

Wie wirkt sich das „Brave-Tochter-Syndrom“ auf Partnerwahl, Partnerschaft und Familie aus?

Viele brave Töchter suchen sich einen Partner, der hinter einer scheinbaren oder tatsächlichen äußeren Stärke oft noch eine schwache, bedürftige, nicht selten auch stark problembeladene Seite hat. Sie wollen für ihn da sein, seine Probleme lösen, ihn „retten“. Sie neigen zur Symbiose, wollen von einem Mann gebraucht werden und einen Mann brauchen. Etliche tendieren auch dazu, den Mann zu „bemuttern“ und / oder über ihn zu bestimmen. Viele dieser Beziehungen sind problematisch, nicht selten bleiben traumatische, verletzende Erfahrungen zurück.

Als Mutter neigen brave Töchter dazu, ihre Kinder zu „beglucken“. Sie können große Schwierigkeiten haben, ihre Kinder loszulassen und ein eigenes Leben leben zu lassen.

Kapitel 5: Selbsthilfe

Was kann man gegen das „Brave-Tochter-Syndrom“ tun?

Die Autoren nennen hier eine Vielzahl von Möglichkeiten, inklusive diverser Übungsbeispiele.

Kapitel 6: Hilfe von außen

Hier gibt es noch ein paar Tipps, was man beachten sollte, wenn man Hilfe von außen sucht.

In einem großen Teil des Kapitels geht es überdies noch einmal darum, die eigenen und die familiären Wurzeln besser zu verstehen, die Lasten auch der Eltern zu sehen und zu verstehen, die so lange getragene kindliche Last endlich abzulegen und frei zu werden für das Eigene.

Die üblichen Literaturhinweise schließen das Buch ab.

Ich finde das Buch sehr gut lesbar, kann von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr gut folgen. Mit manchen Deutungen und Übungsvorschlägen kann ich nicht soo viel anfangen, aber das ist, wie üblich, Geschmacksfrage.

Man muss nicht gleich ein „Syndrom“ an sich vermuten, Typisierungen sind immer schwierig. Doch es hilft, Muster besser zu sehen und zu verstehen.

Fazit: Ein wichtiges Buch, ich kann es nur empfehlen.

© 2014 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 08.12.14

Beate Scherrmann-Gerstetter, Manfred Scherrmann, Das Brave-Tochter-Syndrom … und wie frau sich davon befreit, Freiburg 2013 (7. Auflage von 2006), 155 Seiten

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