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Was ist ein kreatives Leben? Was hat man sich unter einer kreativen Lebensarbeit vorzustellen? Welche Arbeit ist gut für Kreative – und welche gut für Kreativität? Wie kann man die Stille in sich finden, um kreativer zu werden? Wovor sollten sich vor allem Kreative emotional hüten? Was fördert die kreative Schaffenskraft? Und was hat das alles mit einer Tasse Tee zu tun? Frank Berzbach gibt Anregungen und Antworten.

Frank Berzbach verkörpert mit seinem Lebenslauf das, was manche wohl einen „typischen Kreativen“ nennen würden. Er ist Pädagoge, Psychologe und Literaturwissenschaftler. Er war in der Bildungsforschung tätig und unterrichtet Psychologie und Kulturpädagogik. Auf der anderen Seite hat er aber auch bewusst Jahre als Fahrradkurier für einen „schönen Buchladen“ gearbeitet – und das nicht etwa in den Zwanzigern, um sich sein Studium zu finanzieren. 😉

Sein Buch schreibt er einerseits für alle, die ein „kreatives Leben“ führen wollen. Andererseits schreibt er „über und für Kreative“, also für Werbetreibende, Künstler, Selbstständige und ähnliche mehr. Teilweise richtet er sich also an ein allgemeines Publikum, teilweise an genau die zuletzt genannte Zielgruppe.

Der Klappentext des Verlags kommt wie üblich ein wenig „reißerisch“ daher. Er spricht vom Klischee, dass Kreative „in der Welt cooler Agenturen“ zu Hause seien, Schickimicki und Glanz inklusive. Doch stattdessen würden hinter der Fassade Gefahren lauern wie Überarbeitung, Burnout, Selbstzweifel und die Angst davor, was passieren würde, wenn die Ideen mal nicht sprudeln sollten.

Doch dieses „Reißerische“ hat mit Berzbachs Buch nicht viel zu tun. Im Grunde ist es eine sehr ruhige, stille „Literaturarbeit“, die zu mehr Achtsamkeit einlädt: Im Leben, im Beruf und bei sich selbst. Ich nenne es Literaturarbeit, weil der Autor sehr viel Quellenstudium betreibt und aus zahlreichen Werken anderer Autoren zitiert. „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ ist deshalb auch kein Ratgeber, sondern eher ein Sachbuch, eine Abhandlung über diverse Lebensbereiche.

Aus dem Inhalt:

Teil 1: Das Leben als Atelier

Ein bisschen zur Achtsamkeit im Leben: Kreativität bedeutet, mit real Existierendem unzufrieden zu sein. Für eine solche „kreative Lebensarbeit“ heißt das zum Beispiel

  • zunächst einmal über die oft erlernte Hilflosigkeit hinweg zu kommen
  • regelmäßig die kleinen Dinge in Ordnung zu bringen und in Ordnung zu halten
  • die großen Probleme des Lebens nicht persönlich zu nehmen, sondern lieber alles daran zu setzen, sie zu lösen
  • und das Leben vom Standpunkt des Todes aus zu betrachten: Unsere Sterblichkeit und unsere damit begrenzte Zeit zwingen uns immer wieder zu wählen. Doch das kann auch Vorteile haben.

Zu einem solcherart selbstbestimmten, kreativen Leben gehören Selbsterkenntnis, ein Blick für das Mögliche, Vorstellungskraft und Fantasie. Kreativ zu leben bedeutet, das, was man in sich findet, auch auszudrücken und zu gestalten.

Teil 2: Die Kunst zu arbeiten

Sobald das Grundeinkommen gedeckt ist, rückt bei Kreativen oft eine persönliche Mission in den Vordergrund. Erst, wenn Geld nicht mehr die Hauptrolle spielt, kann Kreativität zur Lebensform werden. Kreative haben oft eine „zerrissene Einstellung“ zum Geld: Einerseits ist eine gewisse „Konsumdistanz“ oft die Voraussetzung, um schöpferisch tätig sein zu können. Andererseits zwingen Geldsorgen oft dazu, sich mit seiner Kunst zu „prostituieren“. Ein Ausweg wäre vielleicht ein „Brotjob“, der für regelmäßige Einnahmen sorgt und es damit erlaubt, in seiner Kreativität frei zu sein. [Anm.: So wie der Fahrradjob des Autors.]

Unsere wohl aus dem Calvinismus stammende Leistungsgesellschaft macht die Menschen oft unfähig zur Muße, denn Untätigkeit weckt Schuldgefühle. Statt nach viel Geld für viel Freizeit zu streben, solle man lieber nach der nötigen Freiheit für eine gute Arbeit streben. Eine gute Arbeit und ein gutes Leben gehören zusammen, man sollte nicht künstlich zwischen Job und Freizeit trennen. Kreative wollen oft allein und ungestört arbeiten, doch sich gemeinschaftlich treffen. In der heutigen Arbeitswelt gehe es aber leider genau umgekehrt zu. Das sei für viele Kreative ein Problem. Zudem sei diese Arbeitswelt oft Gift für die Kreativität selbst.

Teil 3: Kreativität ist eine stille Angelegenheit

Viele Menschen können nicht mit sich allein sein. Dabei gebe es bei vielen Menschen eine große Sehnsucht nach Auszeit und Stille. Eine Sache, die uns daran hindert, sei unser Kopf mit seinen permanenten bewertenden, kommentierenden und vergleichenden Gedanken, mit dem inneren Antreiber, dem inneren Kritiker und dem inneren „Pleaser“ (der uns zwingt, immer nett und freundlich zu anderen zu sein, aber leider nie zu uns selbst). Meditation hilft uns, Abstand zu den eigenen Gedanken zu bekommen und damit freier zu werden. Achtsamkeit hilft uns, unsere Persönlichkeits- und Denkmuster besser zu verstehen und freier von reflexartigen Mustern und automatischen Reaktionen zu werden.

Teil 4: Leben und leiden

Unser Gehirn scheint keinen natürlichen Ruhezustand zu kennen: Selbst wenn alles gut ist, (er-) findet es noch Probleme. Gerade bei Kreativen sind extreme Gefühlsschwankungen relativ häufig zu finden. Wir müssen uns als Individuen heute selbst erschaffen und unseren Platz finden. Dieser Druck ist anstrengend und könne schnell – vor allem bei Kreativen – zur Erschöpfung führen. Vorsicht vor „Selbstbeurteilungssucht“, selbstabwertenden Gedanken, Selbstmitleid und Negativfilter. Was ist noch eine „normale“ depressive Verstimmung, und was ist eine ausgemachte Depression, die behandelt werden sollte?

Teil 5: Kreativität und Spiritualität

Glück ist gut für Kreativität und Schöpferkraft. Um glücklich zu werden, sollte man paradoxerweiser genau daran wenig denken, zudem auch wenig an sich selbst denken. [Anm.: Nicht im Sinne von „nicht liebevoll für sich sorgen“, sondern eher im Sinne von „sich weniger mit sich selbst, mit den eigenen Fehlern und Mängeln, der eigenen Lage, dem, was man gern hätte, und so weiter beschäftigen“.] Negative Emotionen nicht einfach rauslassen, sondern erkennen, was sich hinter ihnen verbirgt. Weniger über die Welt klagen, sondern sich eher mit der eigenen Wahrnehmung der Welt beschäftigen, das Unfertige, Ungeordnete an ihr sehen.

Sein kreatives Handwerk regelmäßig üben. Nicht vergessen, dass Ideen auch umgesetzt werden wollen. Eine Trennung von Hand und Kopf (zum Beispiel durch zu viel virtuelle Arbeit) vermeiden. Die Balance zwischen totaler Einsamkeit und kollektivem Zwang halten. Lebenslang den „Weg zur Meisterschaft“ gehen. Vertrauen in die eigene Intuition entwickeln und ihren Impulsen folgen. Strategien entwickeln, um die Arbeitswelt besser aushalten zu können, an den Rahmenbedingungen drehen und sich Freiräume schaffen. Etwas für die Welt tun und sie ein bisschen besser zurücklassen, als man sie vorgefunden hat.

Teil 6: Eine Schale Tee

Oft sind es weniger die Arbeitswelt und die Arbeitskultur, die Stress verursachen und bis zum Burnout führen können. Vielmehr würden viele Menschen aus persönlichen Gründen nicht gegen die „Maßlosigkeit des inneren Arbeitsdranges“ ankommen. Kurz: Wir können von der Arbeit nicht loslassen und reden uns gleichzeitig ein, der Stress komme von außen.

Dann könne eine Schale Tee symbolisch für „Urlaub für die Seele“ stehen. Tee zu trinken verschaffe kurze Pausen und Erholung von der kreativen Arbeit. (Jedenfalls dann, wenn man ihn nicht beiläufig bei der Arbeit, sondern ganz gezielt zwischen Arbeitsphasen trinkt.) Er fördert die Gesundheit. Man kann das Teetrinken als Achtsamkeitsübung nutzen. Man kann in den kurzen Tee-Pausen neue Kraft schöpfen, Abstand gewinnen, loslassen und weitermachen.

Ein sehr umfangreiches Literaturverzeichnis schließt das Buch ab.

Wie gesagt, Berzbachs „Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ ist kein Ratgeber. Ich kann zwar einen gewissen roten Faden sehen, die Kapitel werden miteinander verbunden. Doch es fehlt eine Art „Hinführung zu einem Ziel“. Berzbach nimmt sich eher einzelne Bereiche vor und schreibt dann seine Gedanken dazu, untermalt durch viele Zitate aus der Literatur. (Die auszugsweise Struktur oben stammt schon zu einem guten Teil von mir.)

Auch finde ich das Buch sehr dicht, kompakt geschrieben, nicht zuletzt dank der vielen erwähnten Zitate. Der Leser sollte sich viel Zeit nehmen und hin und wieder gemütlich im Buch schmökern können. Zur Belohnung wird er dort dann viele gute Gedanken finden, für manche vielleicht eher „zur Auffrischung“, für viele sicher aber auch völlig neue.

Layout und Einband finde ich sehr schön, hochwertig, gediegen. Das scheint eine Spezialität des Verlags zu sein, dafür sind seine Bücher auch etwas teurer.

Fazit: Viele gute, kluge Gedanken in einem optisch hochwertigen Rahmen. Berzbach schlägt den Bogen von der kreativen Lebensarbeit über viele Tipps für Kreative bis zum Appell zu mehr Achtsamkeit und Muße.

© 2014 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 14.10.14

Frank Berzbach, Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen. Anregung zur Achtsamkeit. Mainz 2014 (5.  Auflage), 209 Seiten

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