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Die meisten Menschen müssen arbeiten, um sich ihr täglich Brot zu verdienen. Doch unsere Leistungsgesellschaft frisst noch immer ihre Kinder: Arbeitende greifen zur inneren Kündigung, werden krank oder brennen aus, Unternehmen verlieren oder verheizen ihr oft wertvollstes Kapital – die Mitarbeiter. Die Psychologin Ilona Bürgel gibt Tipps, wie man sich mit dem „Genuss-Motto“ wieder an seiner Arbeit erfreuen kann.

Für viele Menschen ist die Arbeit nur das Mittel, ihr täglich Brot zu verdienen. Andere identifizieren sich zwar mit dem, was sie tun, sie tun es aus innerer Freude und Erfüllung, doch die Bedingungen der Arbeit sind vielleicht nicht, sagen wir es so, die besten. Zum dritten neigt unsere Leistungsgesellschaft, trotz erster Gegenbewegungen, oft immer noch dazu, die Schlagzahl ständig weiter zu erhöhen, bis die Menschen an eigenen und fremden Ansprüchen zugrunde gehen und im Burnout landen.

All das kann dazu führen, dass Menschen das als Übel empfinden, womit wir nun mal meistens einen Großteil unseres Lebens füllen (müssen): Die Arbeit.

Ilona Bürgel ist Psychologin, Coach und Autorin mit langjähriger Erfahrung als Führungskraft in der freien Wirtschaft. Als Expertin für Wohlbefinden möchte sie zeigen, wie man auch seinem Beruf mit Glück, Freude und Genuss nachgehen kann. Dabei nimmt sie weniger die Gesellschaft und die Unternehmen in die Pflicht, wie es andere KollegInnen halten. Ihr geht es darum, was der einzelne Arbeitende für sich tun kann.

Hierfür bringt sie ein schönes Beispiel nach dem Hirnforscher Gerald Hüther, das ich hier einmal wiedergeben möchte: Unser Gehirn ist wie ein Fahrstuhl. Wenn es uns gut geht, sind wir ganz oben auf der Plattform. Wir sind entspannt, zuversichtlich, wohlmeinend zu anderen, genießen die Aussicht und können freier denken. Unser evolutionsgeschichtlich jüngeres Denkhirn hat jetzt das Sagen. Wenn es uns schlecht geht, geht’s auch mit unserem Gehirn bergab und in den Keller. Wir sind gestresst, machen uns Sorgen, gehen aggressiv auf andere los beziehungsweise fallen in Starre und neigen zum Tunnelblick. Das ältere Emotionshirn hat die Kontrolle übernommen und geht auf Autopilot.

Mit ihrem Buch verfolgt Bürgel folgenden Ansatz: Wenn wir es mit verschiedenen Tricks und Kniffen schaffen, dass es uns (auch) im Beruf gut geht, sind wir weit oben „im Hirnturm“. Dann hat selbst eine belastende Arbeit kaum Gewalt über uns; wir ertragen sie deutlich besser, als wir es „unten im Keller“ tun würden. Auch unserer normalen Arbeit können wir auf diese Weise deutlich entspannter und mit mehr Genuss nachgehen. Um am Arbeitsalltag wieder mehr Freude zu finden, lautet die Devise also, dafür zu sorgen, dass es uns (bei der Arbeit) möglichst gut geht.

Die Tricks und Kniffe stammen aus der Positiven Psychologie und wurden von Bürgel und ihren KlientInnen in der Praxis erprobt.

Aus dem Inhalt:

Prolog: Was hat denn Arbeit mit Genuss zu tun? Hier schildert Bürgel kurz die Situation vieler Arbeitender und stellt ihr Gegenmittel vor: Mit Tipps aus der Positiven Psychologie den Genuss als Arbeitsmotto wählen. Frei nach der Erkenntnis: Wer so gut wie möglich für sich sorgt und wem es so gut wie möglich geht, der ist auch so oft wie möglich auf der oben erwähnten „Plattform seines Gehirns“. Und egal, wie seine Arbeit dann aussieht, er kann sie auf jeden Fall besser ertragen, ja vielleicht sogar genießen, als wenn es ihm schlecht gehen oder er sich schlecht fühlen würde.

Teil 1: Lebensfreude und Zufriedenheit bei der Arbeit – Wo sind sie hin?

Unternehmen und Vorgesetzte sollten nicht versuchen, die Produktivität anzutreiben, sondern das Wohlbefinden fördern, dann kommt die Produktivität von ganz allein. Denn jemand, dem es gut geht, wird seine Arbeit besser erledigen (selbst wenn sie ihm nicht so viel Spaß macht) als jemand, dem es nicht so gut geht (selbst wenn es dessen Lieblingstätigkeit ist). Die Hauptverantwortung liege allerdings beim Einzelnen; viele Menschen müssten erst (wieder) lernen, gut für sich zu sorgen. Weitere Inhalte sind: Positive Psychologie, der Stress mit dem Stress, Burnout als Schlusspunkt einer genussfeindlichen Arbeitsweise.

Teil 2: Die genussvolle Lösung – Vom Arbeitsfrust zur Arbeitslust

Erlauben Sie sich eine neue Haltung: Hier warnt die Autorin vor der Optimierungsfalle, vor zu hohen Ansprüchen, selbstgemachtem Druck, ungebetenen Hilfsleistungen und mehr. Sie plädiert stattdessen unter anderem dafür, sich die Erlaubnis zu Wohlbefinden und Genuss zu geben, Optimismus zu trainieren, das Positive zu sehen und die vielen guten Dinge im Leben wertschätzen zu lernen – dann hat man auch Energie für den Rest.

Genießen Sie, was Sie sind und haben: In diesem Kapitel gibt es diverse Maßnahmen gegen Stress wie zum Beispiel sich vor stresserzeugenden Interpretationen zu hüten, Veränderungen zu bewältigen, seine Schokoladenseite zu schützen, Belastendes zu verarbeiten, seine Beziehungen zu pflegen – und aus all dem Kraft für die Arbeit zu gewinnen.

Dankbarkeit – Glück, das nichts kostet: Ein kurzer Abschnitt darüber, warum Dankbarkeit uns gut tut und wie wir diese häufiger empfinden und pflegen.

Lassen Sie sich Ihre Arbeit schmecken: Mit belastenden Entwicklungen bei der Arbeit besser fertig werden, Entscheidungen treffen, Job Crafting – die Arbeit modifizieren, die eigenen Stärken erkennen und passend einsetzen, sich glücklich denken.

Glücksbremser im Arbeitsumfeld: Noch mehr zum Thema „sich glücklich denken“ inklusive diverser „Denkfehler als Glückskiller“.

Gönnen Sie sich mehr Individualität: Präventiv denken, statt immer erst dann zu reagieren, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Sich selbst und seinen Körper besser wertschätzen, besser für den Körper sorgen.

Sie sind Ihr größter Schatz – Loben Sie sich selbst: Seinen Begriff von Wertschätzung definieren und andere auf den Wunsch danach aufmerksam machen, seinen Begriff von Wertschätzung auch selbst leben.

Arbeiten Sie nicht irgendwie – Sie sind ja auch nicht irgendwer: Seine Arbeit lieber selbst gestalten, statt so viel Geld haben zu wollen, dass man nicht arbeiten muss. Frühjahrsputz beim Denken veranstalten und vergangenen Ballast, Ängste, Sorgen, Zweifel abwerfen.

Geben und nehmen Sie das Beste: Nicht nur geben, sondern auch nehmen. Gut für sich selbst sorgen, glauben, dass man das auch verdient hat. Geld wichtig nehmen und gut für seine Finanzen sorgen. Lebensfreude fördern. Schlechte Erfahrungen schreibend verarbeiten. Ziele, Visionen und Chancen des Augenblicks nutzen.

Teil 3: Ich arbeite gern!

Hier fasst die Autorin noch einmal einige Ergebnisse der Positiven Psychologie zusammen. Die Arbeitenden ermuntert sie nachdrücklich, auf sich selbst zu achten und das eigene Selbst zu beachten. Unternehmen und Führungskräfte ruft sie noch einmal dazu auf, das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu fördern und mit gutem Beispiel voranzugehen.

Schluss: Ein superkurzer vierter Teil mit „den besten Tipps auf einen Blick“, ein Epilog und ein Literaturverzeichnis schließen das Buch ab.

Zudem finden sich im ganzen Buch eingeschobene „Genusspraxis-Listen“ mit weiteren kurzen Tipps, sowie einige Beispiele von Klienten der Autorin und aus dem Leben der Autorin selbst.

Das Buch „Die Kunst, die Arbeit zu genießen“ enthält viele gute Denkimpulse, denn oft machen wir uns das (Arbeits-) Leben ja wirklich selbst schwer. Ich bin zwar der Meinung, dass in vielen Unternehmen die Zustände einfach schlecht sind oder dringend geändert werden müssten, wenn Menschen nicht darunter leiden sollen. Das Gleiche gilt für die Erwartungshaltung von Gesellschaft und Mitmenschen. Überdies bin ich mittlerweile sehr vorsichtig damit geworden, alles in die Selbstverantwortung des Einzelnen zu stellen. Unsere Machbarkeit hat Grenzen; das ist etwas, was ich selbst lernen durfte. Auch die Autorin sagt, dass nach anfänglicher Euphorie ein neuer Realitätssinn in der Psychologie Einzug gehalten hat. Doch, wie gesagt, viele Dinge haben wir in der Hand beziehungsweise erschweren wir uns selbst, und wenn wir an unserer Einstellung und unserem Leben arbeiten können, um es uns leichter zu machen, dann sollten wir das tun. Ilona Bürgels Buch stellt dafür viel Hintergrundwissen und praktisch anwendbare Tipps zur Verfügung.

Noch ein Tipp von mir: Die meisten Menschen neigen dazu, ein Buch von vorn nach hinten zu lesen, auch wenn sie manchmal Seiten oder ganze Kapitel überspringen. Deshalb könnte es für den Gesamteindruck des Buches hilfreich sein, innere Logik und roten Faden noch stärker durchzuziehen zu versuchen. Ich kann mir vorstellen, dass man das doch recht komplexe Thema und die Argumentation der Autorin so noch besser erfassen und verstehen kann.

Fazit: Wer nicht (mehr) gern zur Arbeit geht, kann versuchen, mit neuer Einstellung und mehr Selbstfürsorge die Arbeit (wieder) zu genießen – ob bei mangelnder Motivation, eher unguten Arbeitsbedingungen oder hochgradig krankmachenden Antreibern und Verhältnissen.

© 2016 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 01.04.16

Ilona Bürgel, Die Kunst, die Arbeit zu genießen. Erfolg und neue Lebensfreude im Job. Freiburg 2014, 176 Seiten

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