Bleiben Sie auf dem Laufenden:  
Schon über 500 Artikel und PDFs  
Newsletter lesen »    Feed lesen »  



Vielen Menschen mangelt es an einem gesunden Selbstwertgefühl. Viele Menschen tun sich schwer damit, ihr wahres Selbst zu leben, das zu werden, was sie sind. Beides hängt zusammen. Die Psychologie versucht zu helfen. Doch auch „spirituelle Ressourcen“ sind wichtig – um die Seele zu pflegen, die für die Entwicklung eines Selbst unentbehrlich ist. Der Psychologe und Theologe Jean Monbourquette will beides vereinen.

Ich habe schon mehrere Bücher von Jean Monbourquette rezensiert. Der Autor ist mir sehr sympathisch. Hier verknüpft er mal seine beiden „Entwicklungsstränge“: Die Psychologie und die Theologie. Er ist Tiefenpsychologe, klinischer Psychologe, Theologe und Mönch. Er hat diverse Bücher über Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung geschrieben.

In diesem Buch geht es um das Selbst. Genauer: Es geht um den Selbstwert und die Selbstwerdung. Das Ganze von der Seite der Psychologie und der Theologie gesehen.

Warum sind Selbstwertgefühl und Selbstwert heute so ein Thema? Der Autor bietet dafür mehrere Erklärungen an, die ihn aber alle nicht wirklich befriedigen: Von der Wiederkehr des Individualismus und dem zunehmenden mangelnden Vertrauen in soziale Systeme — über die Popularität des American Dream mit seinen Verheißungen unbegrenzter Möglichkeiten — bis zum tiefsitzenden Gefühl vieler Menschen, niemals gut genug zu sein.

Doch in vielen Büchern über den Selbstwert kommt der Meinung des Autors zufolge die Pflege der Seele zu kurz – und zwar aus Unkenntnis über den Beitrag, den die Seele zur Konstruktion des Selbst leiste.

Hier will Monbourquette ansetzen und die eher (natur-) wissenschaftliche Disziplin der Psychologie mit den die Seele pflegenden „spirituellen Ressourcen“ vereinen. Er will Methoden und Techniken vorstellen, mit deren Hilfe die Leser ein stabiles Selbstwertgefühl entwickeln und ihr Selbst entdecken.

Dabei lässt sich das Selbstwertgefühl eher über Verstand und Wille und mit Hilfe psychotherapeutischer Methoden schulen. Die Selbstwerdung erfordere dagegen, dass wir lernen, auf unser Unbewusstes zu lauschen, uns vom Weg zum Ziel führen lassen und uns in „aktiver Passivität“ üben. 😉

Aus dem Inhalt

Teil 1: Vom Selbstwert …

1. Selbstwert in der Geschichte der Psychologie: Beiträge verschiedener Psychologen und Philosophen zum Begriff des Selbstwerts.

2. Selbstliebe und Selbstvertrauen: Das Selbstwertgefühl speist sich aus zwei Quellen. A) Der Selbstliebe, dem Selbstwert als Mensch, zu glauben, dass jeder Mensch von unschätzbarem Wert ist. B) Der Selbstbekräftigung, dem Glauben an die Fähigkeiten. Für beides gibt der Autor Tipps.

3. Hoher und geringer Selbstwert: Wie äußert sich beides, was zeichnet beides aus?

4. Selbstwertschätzung aufbauen: Wie kann man ein gutes Selbstwertgefühl vermittelt bekommen? Von Zeichen der Zuwendung (für die Selbstliebe) bis zu Zeichen der Aufmerksamkeit (für das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten).

5. Das Selbst bekräftigen: Die Selbstwertschätzung ist etwas, was wir in uns haben, sozusagen ein „inneres Mini-Programm“. Die Selbstbekräftigung ist etwas, was wir von außen durch die Reaktion anderer erhalten, sozusagen ein „äußeres Makro-Programm“.

6. Selbstwertschätzung und Beziehungen: Gesunde Selbstliebe und gesundes Selbstvertrauen sind die Grundlage gelingender zwischenmenschlicher Beziehungen. Welche sozialen Folgen hat eine mangelnde Selbstwertschätzung?

7. Mangelnde Selbstwertschätzung und Krankheit: Diverse „Störungen“ von zu starker Anpassung über Opfermentalität und Bindungsabhängigkeit, Ängstlichkeit und Überbesorgtheit, Workaholic und Perfektionismus bis zu Überlegenheitskomplexen und Narzissmus.

Teil 2: Zur Selbstwerdung …

8. Die Entwicklung von der Selbstwertschätzung zur Selbstwerdung: Das Wachstum der Persönlichkeit erfolgt durch das Unbewusste –> die Ressourcen des Unbewussten erkennen und sich dafür öffnen. Zwei Wege zur Selbstwerdung: A) Der „negative Weg“ mit Trauer, Loslassen und der Integration des „Schattens“. B) Der „positive Weg“ über Imagination, Symbole und Mythen.

9. Was ist das Selbst: Diverse Versuche, das Selbst zu beschreiben.

10. Die Beziehungen zwischen Ego und Selbst: Eine authentische Selbstwerdung kann nur auf einem stabilen Selbstwert aufbauen. Wie Ego und Selbst interagieren.

11. Über das Ego hinausblicken zum Selbst: Wie sich die Selbstwerdung in einem selbst manifestiert. (Zum Beispiel über „Gipfelerfahrungen“, an denen man das Selbst erkennen kann, bis zu Seelenträumen und Lebensträumen.) Wie sich die Selbstwerdung in zwischenmenschlichen Beziehungen manifestiert. Wie sich die Selbstwerdung in Bezug zum „Universum“, zur Welt, zum Ganzen ausdrückt.

12. Der „negative Weg“, um das Selbst zu erreichen: „Nutzloses Beiwerk“ beiseite räumen und dadurch die Energie des Selbst freisetzen. Verlusterfahrungen annehmen und betrauern. Loslassen. Den „Schatten“, das ins Unbewusste Verdrängte, die abgelehnten Persönlichkeitsanteile integrieren, sich dem Schatten stellen. Freiwillig verzichten und opfern. Ein ganzer Mensch werden.

13. Der „positive, symbolische Weg“, um das Selbst zu erreichen: Manifestationen des Selbst erkennen lernen, zum Beispiel über aktive Imagination (Botschaften des Unbewussten in ein gestalterisches Medium wie Malen oder Schreiben übersetzen), Träume erforschen, auf „integrierende Symbole“ achten, Mandalas, Mythen und Legenden.

14. Der Einfluss des Selbst: Bedingungslose Liebe (Selbstliebe, Vergebung), Weisheit (der Sinn des Leidens), Mission (sich auf den Weg zum Seelentraum oder Lebenstraum machen), Heilung (Krankheiten heilen, das Selbst als innerer Heiler).

Teil 3: Spiritualität und Glaube

Zum Schluss versucht der Autor noch in einem kleinen Kapitel darzulegen, wie sehr es einem gesunden christlichen Glauben diene, die Spiritualität auf Selbstwert und Selbstwerdung zu gründen. Das geht in die Richtung diverser (nicht nur) christlicher, religiöser Ansätze, die das Ego verdammen und zur Selbsterniedrigung, Verleugnung und Demütigung des eigenen Selbst aufrufen.

Das Buch ist nicht ganz einfach. Andere Bücher von Monbourquette lassen sich leichter lesen. Der Leser sollte entsprechendes Vorwissen oder genug Geduld mitbringen.

Doch ich finde seinen Ansatz sehr spannend. Das heute so vieldiskutierte Selbstwertgefühl ist notwendig, doch nicht alles. Genauso wichtig ist es, immer mehr man selbst zu werden, das, was man ist.

Fazit: Vom Selbstwertgefühl zur Selbstwerdung – der Autor erklärt die Hintergründe, stellt Methoden vor und gibt Tipps.

© 2014 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 08.06.14

Jean Monbourquette, Psychologie und Spiritualität. Warum Selbstwertschätzung beides braucht. München 2008 (kanad. Original 2006), 224 Seiten

Bei amazon bestellen …
(Partner-Link, kleine Umsatzbeteiligung für mich)