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Viele, die autobiografisch schreiben, wissen, dass unsere Erinnerungen selektiv und subjektiv sind. Doch es kommt noch schlimmer: Wir können uns sogar an Dinge erinnern, die wir nie gesehen und erlebt haben. Ja, unter bestimmten Bedingungen können wir sogar zu der Überzeugung gebracht werden, ein Verbrechen begangen zu haben, das nie verübt worden ist. 😉 Von all diesen und anderen trügerischen Erinnerungen handelt das informative und zugleich unterhaltsame Buch der Rechtspsychologin Julia Shaw.

Julia Shaw ist Rechtspsychologin. Sie lehrt und forscht zu falschen Erinnerungen. Und sie berät Polizei, Militär und Rechtsanwälte.

Unsere Erinnerungen sind trügerisch. Wer autobiografisch schreibt, weiß vielleicht schon, dass wir Erinnerungen priorisieren und bewerten, neu zusammensetzen oder natürlich fallen lassen und vergessen. Doch Shaw belegt in diesem Buch auch eindrucksvoll, wie andere oder wir selbst uns sogar dazu bringen können, uns an Dinge zu erinnern, die nie geschehen sind. Sie kann einen sogar glauben lassen, ein Verbrechen begangen zu haben, das nie verübt worden ist.

Eine solche Tatsache ist natürlich wichtig für die Arbeit von Polizei und Justiz. Aber sie kann auch für uns selbst und unser Leben interessant sein. Nicht zuletzt deshalb, weil das Bild, das wir von uns und unserem Leben haben, zu großen Teilen auf unseren Erinnerungen beruht. Und wenn unser Gedächtnis trügerisch ist, kann dieses Bild verzerrt und falsch sein.

Von diesen und weiteren Erinnerungsfehlern handelt das folgende Buch.

Aus dem Inhalt:

Einleitung

Erinnerungen bilden die Grundlage unseres Lebens und unserer Identität. Deshalb kann man sein Gedächtnis nicht in Frage stellen, ohne zugleich seine Identität in Frage zu stellen. Das macht es so schwierig, sein Gedächtnis überhaupt zu hinterfragen. Doch Erinnerungsfehler sind nicht die Ausnahme, sie sind die Regel. Jedes Ereignis kann vergessen, falsch erinnert werden oder vollkommen fiktiv sein. Einfluss auf unser Gedächtnis haben zum Beispiel unsere soziale Umgebung, unsere Wahrnehmungsfilter, unser Selbstbild, die Medien und die Erziehung.

1. Ich erinnere mich an meine Geburt. Warum manche Kindheitserinnerungen unmöglich sind.

Es gibt Stimmen, die meinen, dass man sich an vorgeburtliche Erfahrungen „erinnern“ kann. Julia Shaw argumentiert in diesem Kapitel, dass die Gehirne von Babys noch nicht in der Lage sind, Langzeiterinnerungen zu bilden und zu speichern. Deshalb würden wir später automatisch diese Gedächtnislücken mit Quellenmaterial füllen und zusätzliche Details erfinden. Andere Menschen erinnern sich auch an gar nichts aus dieser Zeit. Die frühesten Erinnerungen, die bis ins Erwachsenenalter bleiben, würden etwa aus dem zweiten bis vierten Lebensjahr stammen. Allerdings können – schöne wie leidvolle – Erfahrungen und Umwelteinflüsse das sich entwickelnde Gehirn und die persönliche Langzeit-Gesundheit beeinflussen.

Auch während des Heranwachsens und im Erwachsenenalter kommt es zu Umbauten an Gedächtnis und Gehirn: Die ursprünglich sehr hohe Anzahl von Neurosen und Synapsen wird um alles bereinigt, was überflüssig ist. Das Gehirn wird auf seine jeweils ganz spezielle Umwelt optimiert, alles andere wird gelöscht. Nur mit Hilfe unseres Metagedächtnisses können wir diesen Automatismen gegensteuern, also mit Hilfe des Wissens um unser Gedächtnis und um unsere Erinnerungsfähigkeit, mit der ständigen Überwachung und Analyse der Erinnerungen.

2. Dirty memories. Warum Sein Wahrgenommenwerden ist.

Unsere Erinnerungen können fehlerhaft sein, weil unsere Wahrnehmung die Art beeinflusst, wie wir unsere Wirklichkeit erfahren. Eigentlich sollte Wahrnehmung die Informationen der Sinne bündeln und die wirkliche Welt wiedergeben. Stattdessen interpretieren wir diese Informationen aber und bringen sie in einen Sinnzusammenhang. Die Basis dafür bilden unsere Erfahrungen und Erinnerungen: Was wir nicht kennen, sehen wir nicht. (Von mir ergänzt: Und was wir nicht kennen wollen, sehen wir auch nicht. Weitere Wahrnehmungsfehler siehe hier.) Unser Gehirn stellt Vermutungen an und füllt mit ihnen die Lücken, das kann zu Fehlern und Voreingenommenheit führen. Weitere Gedächtnisfehler ergeben sich beispielsweise durch emotionale Beteiligung oder durch Stress.

3. Hummeln im Kopf. Warum die Physiologie des Gehirns unser Gedächtnis in die Irre führen kann.

Unser Gehirn ist sehr anpassungsfähig. (Man spricht auch von neuronaler Plastizität.) Das hat der Menschheit geholfen, in rauer Umgebung und unter widrigsten Bedingungen zu überleben. Auch können wir so bei neuen Erkenntnissen unsere Meinung ändern, mit Veränderungen zurechtkommen und positive wie negative Erfahrungen abspeichern. Allerdings werden diese Erfahrungen in physischer Form abgespeichert und über Netzwerke im ganzen Gehirn verteilt. Abgerufen werden diese Erinnerungsfragmente durch Assoziationen. Deshalb kann man Erinnerungen auf biochemischer Ebene hemmen. Und deshalb kann es durch die Vielzahl neu zu kombinierender Assoziationen immer wieder zu Erinnerungstäuschungen kommen. Das sollte man im Auge behalten. Auch wenn unser Gehirn dies offenbar in Kauf nimmt und einen assoziativen, kreativen, anpassungsfähigen Geist für wichtiger hält als korrekte Erinnerungen.

4. Gedächtnisgenies. Warum niemand ein untrügliches Gedächtnis hat.

In diesem Kapitel stellt Shaw Menschen vor, denen es schwer fällt zu vergessen. Und sie zeigt, warum Gedächtnisfehler in Form von Vergessen sogar lebenswichtig sind, um nur die für uns und unser Überleben wichtigsten Informationen zu speichern.

5. Lernen im Schlaf? Warum wir aufmerksam sein müssen, um Erinnerungen zu bilden.

Auch durch mangelnde Aufmerksamkeit entstehen Gedächtnis- und Erinnerungsfehler. Lernen ist ein Erinnerungsprozess. Und Aufmerksamkeit ist die Voraussetzung für die Bildung von Erinnerungen. Wo es nicht genug Aufmerksamkeit gibt, wird auch nicht gelernt oder behalten. Shaw spricht sich deshalb auch gegen ein subliminales Lernen (Lernen im Schlaf) und gegen ein mediales Lernen (Lernen durch Medien) für Babys aus. Im Schlaf könne man zwar Erinnerungen stärken und konsolidieren, aber nicht neu lernen. Und Babys bräuchten Aktivitäten, keine medialen Bilder, um zu lernen.

6. Das Gehirn – ein Detektiv mit Schwächen. Warum wir unser Gedächtnis überschätzen.

Auch die Natur unserer menschlichen und individuellen Psyche führt zu Wahrnehmungs- und damit zu Gedächtnisfehlern. Shaw nennt hier etwa: Die Tendenz zur Selbstüberschätzung. (Überlegenheitsillusion) Die Missachtung von Misserfolgen. (Überlebensirrtum) Das zu übermäßige Vertrauen ins eigene Gedächtnis. Die Fixierung auf Ähnliches. (Es fällt schwerer, jemanden aus anderen ethnischen Gruppen, Altersgruppen oder vom anderen Geschlecht korrekt und detailliert wahrzunehmen.)

7. Hochemotional. Warum unsere Erinnerung an emotionsgeladene Ereignisse fehlerhaft ist.

Negative, leidvolle oder gar traumatische Erinnerungen sind stabiler, resistenter gegen das Vergessen als normale Erinnerungen. Deshalb können sie über kurz oder lang zu einer Verzerrung von Wahrnehmung und Gedächtnisinhalten führen. Es gibt auch das Phänomen der stellvertretenden Traumatisierung: Allein dadurch, dass man darüber redet, können andere die Erinnerungen eines Traumatisierten übernehmen. Menschen sind soziale und emotionale Wesen: Auch ohne besonders hochsensibel zu sein, fangen viele schnell die ausgestrahlten Empfindungen anderer auf. (Spiegelneurone)

Zu weiteren fehlerhaften Erinnerungen kann es kommen, wenn man nonverbale Eindrücke in Worte fassen möchte. Was wir vorher noch klar gefühlt und „gesehen“ haben, geht teilweise verloren, wenn wir versuchen, dafür passende Worte zu finden. Zudem kann es durch die Worte auch zu konkurrierenden Gegen-Eindrücken kommen.

8. Das digitale Gedächtnis. Warum Medien unsere Erinnerung formen.

Auch unser Arbeitsgedächtnis ist nur begrenzt leistungs- und aufnahmefähig. Bei Überlastung kommt es häufiger zu Stress und Fehlern, auch Erinnerungsfehlern. Das soziale Wesen Mensch kann sich mit den Erinnerungen anderer „anstecken“ und sogar die autobiografischen Erinnerungen eines anderen übernehmen. (Siehe auch Punkt 7.) Gruppendenken beeinflusst, weil man andere Menschen nicht durch eine abweichende Meinung verstimmen will (normativer Einfluss) oder weil man glaubt, dass der andere es besser weiß (informativer Einfluss). Wir erinnern uns schlechter an Informationen, die wir zugänglich glauben. (Digitale Amnesie) Wir verzerren noch einmal aufgrund der Natur unserer Psyche und unseres sozialen und emotionalen Wesens, indem wir zum Beispiel uns und unsere Freunde für schöner halten, als wir oder sie sind. Und die bearbeiteten und geschönten Online-Erinnerungen der neuen sozialen Netzwerke können sich stärker ins Gedächtnis einprägen als die erlebte Realität.

9. Erinnerungskrieg. Warum wir falsche Erinnerungen an traumatische Ereignisse haben können.

Hier kritisiert Shaw die Theorie Freuds und vieler Psychologen von der Verdrängung vieler, auch traumatischer Erinnerungen. Gerade negative, leidvolle oder gar traumatische Erinnerungen seien ja stabiler, resistenter gegen das Vergessen als normale Erinnerungen. (Vgl. Punkt 7.) Auch nimmt sie Stellung gegen eine gezielte Erinnerungstherapie. Unglaublich viele Ursachen können ihrer Meinung nach zu falschen oder nicht vorhandenen Erinnerungen führen.

10. Mind games. Warum wir unser fehlerhaftes Gedächtnis annehmen sollten und wie wir das Beste daraus machen.

Wie machen wir nach Shaw das Beste aus diesem unserem „fehlerhaften“ Gedächtnis? Indem wir zum Beispiel

  • uns dieser Tatsache bewusst sind, mit Metagedächtnis und Metakognition ständig über Gedächtnis und Denken nachdenken, uns unserer Wahrnehmung nicht blind ausliefern
  • auf der Hut sind vor Wahrnehmungsverzerrungen und denen, die sie, wie etwa in Politik oder Werbung, auszunutzen versuchen
  • die Arbeit unseres Gedächtnisses gezielt unterstützen, passend zu seinen Eigenschaften lernen, Mnemotechniken und mehr nutzen
  • mehr Mitgefühl und Verständnis mit uns und anderen entwickeln, die wir alle das gleiche „fehlerhafte“ Organ haben, Meinungsverschiedenheiten besser verstehen
  • mehr in der Gegenwart leben, der Vergangenheit nicht zu viel Bedeutung beimessen, denn jede Vergangenheit ist in diesem Sinne nur fiktiv
  • und stattdessen unser Leben mehr zu unserem und dem Glück anderer zu gestalten, dem Leben mit Hilfe des „magischen Realismus“ eine eigene Farbe zu geben versuchen.

Denn aus Erfahrungen kann und sollte man zwar lernen, doch Erinnerungen sind – genau 😉 – nun einmal trügerisch und überdies von der Natur offenbar längst nicht so wichtig befunden wie die Fähigkeit zu immer neuen kreativen Assoziationen, Vorstellungen und Veränderungen. 🙂

Die üblichen Danksagungen, ein sehr umfangreicher Anmerkungsapparat mit Belegen sowie ein Register schließen das Buch ab.

Ich finde Julia Shaws „Das trügerische Gedächtnis“ anspruchsvoll, aber verständlich und auch unterhaltsam geschrieben. Aufbau und Konzept hätte man meiner Meinung nach teils noch eingängiger und nachvollziehbarer halten können. Dafür blitzt immer wieder schön eine frische junge Schreibe der „neuen digitalen Generation“ durch. Mit einer Einschränkung: Um deren Anspielungen und Vergleiche verstehen zu können, sollte man sich ein wenig in dieser digitalen Welt auskennen.

Ich denke, Shaw möchte mit diesem Buch ihre Erkenntnisse vorstellen und vertreten, aber auch von einem interessierten, beleseneren Laienpublikum verstanden werden. Entsprechend erklärt sich der Zuschnitt ihres Buches mit seinem relativ starken Anmerkungs- und Belegapparat. Zugleich versucht sie immer wieder, anschaulich zu erklären und in gutes Infotainment zu verpacken. Deshalb dürften hier alle gut aufgehoben sein, die sich durch anspruchsvollere, aber dennoch unterhaltsame Bücher wühlen können und wollen – sei es Fachpublikum oder eben Laie.

Fazit: Ein erhellendes Buch über die Art, wie unser Gedächtnis arbeitet, und darüber, warum es immer wieder zu Erinnerungsfehlern kommt. Wichtig, um uns selbst besser zu verstehen und um versöhnlicher mit uns und anderen umzugehen.

© 2018 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 09.01.18

Julia Shaw, Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. München 2016 (engl. Original 2016), 302 Seiten

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