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Wer gelesen oder gehört werden möchte, sollte versuchen, so zu schreiben oder zu reden, dass ein anderer ihn so gut wie möglich versteht. Das ist nicht leicht, dafür sind wir Menschen zu verschieden; Sie können nicht alle erreichen. Doch viele Autoren oder Redner versuchen es nicht einmal – oder sie haben keine Ahnung, was dabei helfen könnte. Die Verfasser dieses Buches zeigen die „vier Merkmale der Verständlichkeit“. Plus Trainingsprogramm.

Die Autoren des vorliegenden Buches „Sich verständlich ausdrücken“ waren bereits gestandene Hochschullehrer, sie hatten viel Erfahrung darin, Texte zu verarbeiten und aus ihnen zu lernen. Doch die harmlosen Schulbücher ihrer Kinder brachten sie ins Schleudern, sie konnten sie einfach nicht verstehen. Aufmerksam geworden, merkten sie, dass das auch bei vielen anderen Texten der Fall war.

Wie das so geht, glaubten sie zunächst, das liege an ihnen selbst. Oder man sagte ihnen, dass schwierige Materie nun mal auch schwer zu lesen sei. Doch man muss kein Experte für, sagen wir, Teilchenphysik sein, um trotzdem einen Text über Teilchenphysik zu verstehen. Dieser Text muss nur verständlich und passend für die Zielgruppe – in diesem Fall: blanke Anfänger – geschrieben sein. Dann sollte man ihn auch nachvollziehen können.

Wenn Texte schwer zu verstehen sind, könnte das eher daran liegen

  • dass die Autoren dieser Texte „nachlässig, rücksichtslos oder unfähig“ sind (angepasstes Zitat)
  • dass Autoren und Leser gemeinsam zu glauben scheinen, ein schwer verständlicher Text sei ein Gütesiegel für besonders anspruchsvolle (und damit gute) Inhalte oder besonders qualifizierte (das heißt gebildete) Verfasser
  • dass manche Autoren ihre Leser vielleicht auch absichtlich im Unklaren lassen wollen (zum Beispiel beim Kleingedruckten mancher Verträge)
  • dass etliche Autoren vielleicht einfach drauflosschreiben, ohne sich zu fragen, wie ihr Text beim Leser ankommt und ob dieser jenen auch verstehen wird
  • oder schlicht, dass viele Autoren gar nicht wissen, wie man verständlich schreibt. So etwas wird bekanntlich immer noch oft nicht gelehrt.

Gegrübelt, getan. Die drei Hochschullehrer der Uni Hamburg Langer, Schulz von Thun und Tausch setzten sich hin und entwarfen mit Hilfe ihrer Studenten ein „Trainingsprogramm“, wie man sich verständlicher ausdrückt. Dieses Trainingsprogramm ist Bestandteil des vorliegenden Buches, das in den folgenden Jahrzehnten zu einem Standardwerk werden sollte.

Übrigens meinen Trainingsprogramm und Buch nicht nur das Schreiben, sondern auch das Reden. Es sind alle angesprochen, deren Aufgabe es ist, andere zu informieren, sei es mündlich oder schriftlich. Ein Herzenswunsch der Autoren wäre es, dass ihr Buch zu einer besseren Darstellung von Informationen führen möge. Denn ohne hilfreiche Informationen ist man immer noch schnell benachteiligt, sei es finanziell, rechtlich oder ganz schlicht bei Schulbüchern, Gebrauchsanweisungen und Co.

Aus dem Inhalt:

Teil 1: Grundlagen und Übungen

Warum sind so viele Texte so schwer zu verstehen? Was ist Verständlichkeit? Merkmale der Verständlichkeit: Einfachheit, Gliederung / Ordnung, Kürze / Prägnanz, anregende Zusätze. Wie beurteilt man die Verständlichkeit eines Textes? Welche Merkmale sollten wie gegeben sein, damit ein Text optimal verständlich ist?

Viele Übungsbeispiele laden den Leser ein:

  • das Auge für Verständlichkeit zu schulen
  • Texte in einzelnen oder allen Verständlichkeitsmerkmalen zu verbessern
  • selbst möglichst verständliche Texte zu bestimmten Themen zu verfassen

Lösungsvorschläge der Autoren runden diesen Übungsteil ab.

Teil 2: Beispielsammlung leicht und schwer verständlicher Texte

Diverse Beispiele von schwer verständlichen und verbesserten Texten: Finanzthemen, Vertrags- und Gesetzestexte, Schulbuchtexte, Unterrichtstexte, wissenschaftliche Texte u.m.

Teil 3: Schwer verständliche Texte im Unterricht

Ein paar Anregungen, wie man im Unterricht Informationen verständlicher vermittelt.

Teil 4: Personenzentriert schreiben und reden

Texte / Reden werden verständlicher, wenn der Autor / Redner den Leser oder Zuhörer immer im Blick hat: Was braucht der andere? Wie kommt ein Text beim anderen an? Was kann der Autor / Redner tun, um dieses „Ankommen“ zu verbessern?

Auch hier gibt es wieder ein paar veranschaulichende Beispiele.

Teil 5: Wissenschaftliche Belege

In diesem Buchteil setzen sich die Autoren noch mit der bisherigen Praxis auseinander, beschreiben ihre eigenen Vorgehensweisen und Forschungsansätze, u.ä.m.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis schließt das Buch ab.

„Sich verständlich ausdrücken“ ist eine Mischung aus wissenschaftlicher (Forschungs-) Arbeit, „Trainingsprogramm“ und Tipps, wie man verständlicher wird. Das merkt man ihm an, und das macht es nicht ganz leicht:

A) Die (wissenschaftliche) Notwendigkeit, seine (Forschungs-) Ergebnisse zu rechtfertigen und zu belegen, würde ich zum Beispiel einem Buch „für die Allgemeinheit“ ersparen. Das führt zu weit weg. Hier haben es die Autoren für angebracht gehalten.

B) Ein großer Teil des Buches besteht aus dem erwähnten Trainingsprogramm. Das sollte man als Leser dann auch machen (wollen). Ansonsten würde es reichen, sich wenige Anfangsseiten zu kopieren, in denen die Essenz des Buches steht.

Die Beispieltexte stammen oft aus Gebieten, die mit der Alltagswelt wenig zu tun haben, aber zweifellos eine besondere Herausforderung „in Sachen Verständlichkeit“ sind. 😉 (Gesetzestexte, Vertragstexte, Finanztexte und so fort.) Jemand, der diese Texte kaum oder gar nicht verfasst, wird deshalb weniger eigene (Alltags-) Beispiele finden.

Und der Teil mit den Texten im Unterricht dürfte für Nicht-Lehrer weniger interessant sein.

Sehr schön finde ich den Abschnitt zum personenzentrierten Schreiben. Wer gelesen oder gehört werden möchte, geht in vielen Fällen eine „Beziehung“ zum Leser oder Zuhörer ein und sollte meines Erachtens dann auch zu einem guten Teil für diesen schreiben oder reden, nicht ausschließlich für sich selbst. Wie das aussehen kann, zeigen die Autoren.

Dieses Buch ist wichtig, seine Ergebnisse dürften damals bahnbrechend gewesen sein, und auch heute noch kann man viele Anregungen daraus mitnehmen. Ich würde das Buch allerdings eher für „Profi-Schreiber“ oder Ähnliches empfehlen. Ein „Otto-Normal-Schreibender“ wäre vielleicht mit einem einfacher gefassten Buch besser bedient.

Fazit: Ein wichtiges Buch mit Ergebnissen, die auch heute noch von hohem Wert sind. Wer professionell Informationen vermitteln möchte, findet hier gute Anregungen.

PS: Die wichtigsten Ergebnisse habe ich vor Jahren schon mal in diesem Artikel zusammengefasst: „Verständlich schreiben nach dem Hamburger Modell“.

© 2015 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 15.05.15

Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun, Reinhard Tausch, Sich verständlich ausdrücken, München 2006 (8. Auflage), 222 Seiten

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