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Wer „böse“ ist und sich abgrenzt, kann in Wirklichkeit gut zu sich und zu anderen sein – darauf weist der Experte für Hochsensibilität Rolf Sellin völlig zu Recht und gelungen in seinem neuen Ratgeber hin. Lesen Sie, was Abgrenzung bedeutet, wie sie funktioniert und warum sie uns selbst und anderen gut tut.

Rolf Sellin ist der Autor des Hochsensiblen-Ratgebers „Wenn die Haut zu dünn ist“. In seinem neuen Buch „Bis hierher und nicht weiter“ beschäftigt er sich mit einem Thema, das für Hochsensible wichtig ist, aber auch für viele andere interessant sein kann. Er schreibt für alle, die sich besser wahrnehmen und besser abgrenzen, die anderen Grenzen setzen und gut für sich selbst sorgen wollen. Dafür stellt er Methoden vor, geht aber auch intensiv darauf ein, warum es überhaupt notwendig ist, sich abzugrenzen, und warum dieses so schwer fallen kann.

Sich abzugrenzen bedeutet unter anderem:

  • Die eigenen Grenzen wahrzunehmen und einzuhalten. Den anderen nicht wichtiger zu nehmen als sich selbst, sich nicht ständig mit den Problemen anderer zu beschäftigen. Nicht zu viel zu geben, nein zu sagen. Keinen Raubbau mit sich selbst zu betreiben.
  • Anderen Menschen Grenzen zu setzen. Dem anderen nicht alles zu erlauben, bis man sich irgendwann nur noch durch Kontaktabbruch schützen kann. Für sichere Grenzen und das passende Maß an Distanz und Nähe zu sorgen, denn nur diese garantieren letzten Endes Kommunikation und Freundschaft, Harmonie und Frieden.
  • Nicht naiv total offen und verletzlich zu sein, aber sich auch nicht vor allem und jedem zu verschließen, sondern sich fein abgestimmt je nach Situation und Mensch öffnen und zurücknehmen zu können.

Aus dem Inhalt:

„Alles ist machbar“: Wollen wir uns überhaupt begrenzen?

Unsere Gesellschaft pflegt die Ideologie der Grenzenlosigkeit. Wir huldigen dem grenzenlosen Wachstum und „think big“, wir glauben, dass alles machbar ist und dass alle Menschen gleich sind. Doch damit schaffen wir uns unsere Probleme nur selbst: Von Umweltzerstörung, Kriegen und sozialem Elend bis zu psychischen Erkrankungen und Burnout, von Frust, Desillusionierung und Depression bis zu ungutem sozialem Vergleich und Minderwertigkeitsgefühlen.

Kraftvoll in meinem Revier: Wo die Grenzen liegen und wie wir Grenzüberschreitungen erkennen

Diese grenzenlose Welt der Möglichkeiten kann leicht überfordern. Grenzen bewahren uns davor, uns zu verausgaben und zu erschöpfen. Grenzen bewahren uns auch davor, dass andere uns zu nahe kommen, unser Revier verletzen und Schaden zufügen. Der erste Schritt zu guten Grenzen wäre es, die eigenen Grenzen überhaupt einmal wahrzunehmen. Dafür sind vor allem unser Körper und die Wahrnehmung unseres Körpers wichtig. Denn nur der Körper weiß, wo unsere Grenzen sind; der Kopf übergeht seine Grenzen oft selbst, das Herz möchte ja Brücken schlagen. Doch nur eine sinnvolle Begrenzung ermöglicht Wachstum und Entwicklung; jede Überforderung führt zu kostspieligen Rückschlägen.

Wer bin ich, wer bist Du? Die Grenze als Ort von Begegnung und Konflikt.

Das Leben ist ein ständiger Prozess der Anpassung solcher Grenzen: Die eigenen Grenzen erlauben es uns, stark zu sein und unseren Spielraum Stück für Stück zu erweitern. Die Grenzen zu anderen erlauben es, sich selbst und andere vor Verletzungen zu bewahren und sozial zu interagieren. Körperliche Symptome fungieren zum Beispiel als biologische, Umgangsformen als soziale Grenzwächter. Ein bewusstes, starkes eigenes Ich ist wichtig, um die Grenze zwischen einem selbst und dem anderen zu halten, nicht in einem selbst, also zum Beispiel, um sich nicht zu verlieren und vorschnell die Wünsche und Positionen des anderen zu übernehmen.

Zentrierung: Der erste Schritt zur Abgrenzung

Für dieses Ich ist es wichtig, sich zu zentrieren. Das bedeutet: Die Selbstwahrnehmung zu stärken, in gutem Kontakt mit sich und seinem Körper zu sein, die Welt aus seiner Perspektive wahrzunehmen, für die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu sorgen, mit sich selbst im Einklang zu sein. Welche Methoden können dabei helfen? Was kann hindern?

Hier ist Stopp: Die verschiedenen Ebenen der Abgrenzung

Wie funktioniert Abgrenzung? Hier gibt Sellin diverse Tipps zur Abgrenzung auf mentaler, kommunikativer und energetischer Ebene. Beispiele zeigen, wie man sich mit Körperhaltung, Mimik, Gestik bewusst abgrenzen kann. Visualisierungsübungen zeigen, wie man sich auf sich selbst zentrieren und innere Klarheit gewinnen kann. Ein Abschnitt dieses Kapitels beschäftigt sich damit, auf welche Widerstände diese persönlichen Veränderungen bei anderen stoßen können. Schön finde ich auch das Plädoyer von Sellin dafür, von der üblichen Opferhaltung und Selbstgerechtigkeit herunterzukommen und sich seiner Verantwortung zu stellen, dass man andere begrenzen (muss), verletzen (kann) und sich an ihnen schuldig machen wird.

Was unsere Abgrenzung unterlaufen kann

Was kann uns daran hindern, uns abzugrenzen? Hier nennt Sellin Widerstände wie: Evolutionär sind wir auf die Gruppe angewiesen; biologisch haben Mitläufer überlebt und ihr Erbgut weitergegeben; aus der Reihe zu treten fällt uns von Natur aus schwer und fordert viel Bewusstheit, Mut und Energie; Nein-Sagen und Abgrenzen haben wir oft weder in der Familie noch in der Schule gelernt; bei Schwächen wie finanziellen, sozialen und sonstigen Bedürftigkeiten kann es riskant sein, zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen; das Gleiche gilt für Machtverhältnisse und Abhängigkeiten; die Angst vor den Folgen der Abgrenzung kann daran hindern, sich überhaupt abzugrenzen; wer sich selbst nichts wert ist und andere für wertvoller erachtet, wird sich oft nicht genug abgrenzen; wer mitleidet und helfen will, grenzt sich nicht genug ab; das Gleiche gilt für sogenannte „Gutmännchen-“ [Anm.: oder Gutmensch-] Programmierungen, mit denen wir Grenzverletzer auch noch oft selbst herbeirufen.

Kindheit und Grenzen

Wie können wir schon unseren Kindern beibringen, eigene Grenzen und Grenzen anderer zu respektieren? Wie können Eltern die Grenzen ihrer Kinder erkennen und respektieren? Wie können Eltern verhindern, dass sie selbst über ihre Grenzen gehen und ihren Kindern Schaden zufügen? Wie können wir verhindern, dass wir eine Generation von Ja-Sagern heranziehen, die nur gelernt hat, zu gehorchen?

Über die Abgrenzung hinaus

Wie können wir aus gescheiterten Abgrenzungen lernen? Wie können wir uns bei (zeitweise) unmöglicher Abgrenzung verhalten? Schön finde ich auch Sellins Idee der „Durchlässigkeit“: Das anzunehmen, zu verstehen und zu lieben, was ist, sich aber gleichzeitig durch Abgrenzung auch davor zu schützen, hilft, in der Welt und mit den Menschen zu leben, statt sich über diese aufzuregen und zu hadern.

Die paradoxe Wirkung der Abgrenzung: Begegnung und Entwicklung

Dieses letzte kurze Kapitel will den Abgrenzungsgedanken noch einmal zusammenfassen und dafür werben. Allerdings halte ich Inhalt und Ton für um einiges schwächer als den Rest des Buches; das macht das Kapitel für ein Schlusswort weniger geeignet. Man könnte es meiner Meinung nach auch problemlos einfach streichen – oder natürlich überarbeiten.

Ein Selbsttest, eine Übersicht über die genannten Methoden und die üblichen Literaturtipps schließen das Buch ab. Anregungen zur Selbstreflexion, Beispiele aus der Beratungspraxis und teils auch aus dem Leben des Autors sowie einige Abbildungen reichern es an.

Nach Sellins für mich sehr gutem Erstling „Wenn die Haut zu dünn ist“ scheint mir dieses Buch etwas weniger „mit Muße“ geschrieben worden zu sein. Daran kann aber auch der übliche (Verlags-) Druck schuld sein, möglichst schnell weitere Bücher auf den Markt bringen zu wollen.

Dennoch ist es ein gutes Buch zu einem wichtigen Thema mit guten Hintergrundinformationen und vielen guten Tipps. Für viele Hochsensible, die von Natur aus zu sehr im anderen und zu wenig bei sich selbst sind, könnte es zur Standardlektüre werden; doch, wie gesagt, ich glaube, dass das Thema grundsätzlich für viele wichtig und hilfreich sein kann.

Fazit: Wer „böse“ ist und Grenzen setzt, ist in Wirklichkeit gut – zu sich und zu anderen. Das ist das Paradox der Abgrenzung, das Sellin völlig zu Recht und gelungen zum Thema macht.

© 2016 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 25.04.16

Rolf Sellin, Bis hierher und nicht weiter. Wie Sie sich zentrieren, Grenzen setzen und gut für sich sorgen. München 2014 (2. Auflage von 2014), 206 Seiten

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