Bleiben Sie auf dem Laufenden:  
Schon über 500 Artikel und PDFs  
Newsletter lesen »   



Ulrich Schaffer, Grundrechte. Ein Manifest.

Du hast das Recht zu fühlen. Logisch, ja? Aber nicht für jene, die damit nicht umgehen können. Du hast das Recht, dir deine Freunde zu wählen. Logisch, ja? Aber nicht für jene, die damit nicht einverstanden sind oder auf der Strecke bleiben. Du hast das Recht, Traditionen zu brechen. Logisch, ja? Aber nicht für jene, die sich anderes erhofften. Und schon fügen wir uns dem sozialen Druck. Schaffer präsentiert „Grundrechte für ein würdiges Menschsein“.

Ulrich Schaffer ist als Kind mit seinen Eltern von Deutschland nach Kanada ausgewandert. Dort lebt er seit Jahrzehnten als freier Autor und Fotograf. Er schreibt Bücher zu Lebenshilfe, Persönlichkeitsentwicklung und „spirituellen Themen“. Teilweise reichert er diese auch mit eigenen Zeichnungen und Fotografien an. Auch das vorliegende Buch beinhaltet einige Tuschezeichnungen von ihm.

Die ersten „Grundrechte würdigen Menschseins“ schrieb er mit Mitte 40 in den 1980er Jahren, die letzten Grundrechte fügte er knapp 25 Jahre später bei. Diese Reifung und persönliche Entwicklung spiegelt sich auch in seinen Texten wider. Klangen die Grundrechte erst noch verhältnismäßig „kämpferisch“, ist der Ton der letzten Rechte subtiler, bedachtsamer, eben „altersweise“. 😉 Gemeinsam ist ihnen aber Schaffers Anliegen, eine Lanze für ein freieres, selbstbestimmteres, „persönlicheres“ Leben zu brechen und vor zu viel schädlicher Fremdbestimmung zu warnen.

Worum geht es?

Der Mensch lebt seit jeher in der Dualität zwischen Gemeinschaft und Individuum. Wir sind ein soziales Wesen, aber auch ein Einzelwesen.

In einer Gemeinschaft kann nicht jeder nur für sich leben und an sich denken. Damit eine Gemeinschaft bestehen kann, muss jeder auf den Mitmenschen und bestimmte „Regeln“ Rücksicht nehmen.

Doch oft geht der soziale Druck, sich in Gemeinschaften einzufügen und anzupassen, auf Kosten des persönlichen Wohls. Wer ungeschriebenen Gepflogenheiten oder geschriebenen Gesetzen zuwiderhandelt, läuft Gefahr, dafür einen Preis zu bezahlen oder gar aus der Gemeinschaft „ausgeschlossen“ zu werden.

Das geht soweit, dass viele Menschen meinen, „kein Recht auf die Grundbedürfnisse ihres Lebens zu haben“ (Zitat). Also auf Rechte wie sich zu lieben, zu trauern, zu wachsen, sich zu verändern oder seine Freunde zu wählen. (Zitat)

Das kann nicht nur zur Selbstschädigung und Selbstzerstörung des Einzelnen führen. Auch die Gesellschaft verliert. Sie verliert die Originalität des Einzelnen und den Beitrag, den dieser der Gemeinschaft leisten könnte. Und sie verliert die Herausforderung, die der Einzelne für die Gemeinschaft bedeuten könnte. Eine Herausforderung und „Gärung“, die die Gemeinschaft immer wieder zwingt, sich selbst zu hinterfragen, zu wachsen und zu verändern. So wie auch Kreativität oft aus anfänglichem Ungehorsam und Unzufriedenheit erwächst.

Schaffer will mit seinem Buch an das Recht auf solche „lebensfördernden Bedürfnisse“ erinnern. Doch er schreibt kein „Trotzbuch“, selbst in seinen kämpferischeren Jahren nicht. Er argumentiert so: Wer seine Grundrechte leben darf, wird von selbst kompromissbereiter und nachgiebiger sein. Er wird in der Lage sein, die Balance zwischen dem Ich und dem Wir oder dem Du zu halten.

Aus dem Inhalt:

Die innere Wirklichkeit

Du hast das Recht, du zu sein, grenzenlos zu denken, Fehler machen zu dürfen, wach zu sein. Du hast ein Recht auf deine Beziehung zu Gott. Du hast das Recht, dich zu freuen, nichts zu tun, ein anderer zu werden, dich als Partner Gottes zu sehen, ein Geheimnis in dir zu tragen, gelangweilt zu sein, deine Intelligenz wahrzunehmen, deine dunklen Stunden zu durchleben, zu zweifeln, zu hoffen, zu fühlen, dich selbst nicht zu verstehen, dich selbst zu lieben oder zu vertrauen. Du hast ein Recht auf deine Trauer. Du hast das Recht, dir eine Welt aufzubauen oder Angst zu haben. Du hast ein Recht auf deinen eigenen Glauben. Du hast das Recht, erwachsen zu werden oder unfertig zu sein.

Die Grundrechte gelten allen

Du hast das Recht, die Tradition nicht hochzuhalten, zu rebellieren, Bilder von dir zu zerstören, nicht nur „angenehm“ zu sein, dich gegen Bevormundung zu wehren, über deine Zeit zu verfügen, dich gegen Verwöhnung zu wehren, dein Kind wegzuschicken, dir etwas nicht anzuhören, dir einen Privatraum zu erhalten, deine Freunde zu wählen, deine Eltern zu enttäuschen, ungehorsam zu sein, aufzubegehren, einen anderen zu verletzen, dich gegen den Fortschritt zu wehren, dich vor Menschen zu schützen, unzufrieden zu sein oder zu fragen.

In den Grundrechten reifen

Du hast das Recht, deine Endlichkeit zu betrauern oder zu lieben, was ist. Du hast ein Recht auf deine Gedanken und auf deine Schwere. Du hast das Recht, nichts zu versprechen oder dir etwas zuzumuten. Du hast ein Recht auf deine Leichtigkeit. Du hast das Recht, dich zu opfern oder nicht mehr zu warten. Du hast ein Recht auf deine Vergesslichkeit. Du hast das Recht, dich zu begeistern, kein schlechtes Gewissen zu haben, nicht auf dem Laufenden zu sein, nicht an Gott zu glauben oder staunend zu stehen.

Schaffer schreibt einerseits eher typische Sachtexte und andererseits Texte, die „nach Lyrik aussehen“. Mit letzteren tue ich mich mitunter schwer, weil Lyrik einfach nicht „meins“ ist. Doch bei den vorliegenden Grundrechten mache ich gern mal eine Ausnahme, ich halte sie für gute Denkanstöße.

Eigentlich sollten diese Grundrechte selbstverständlich sein, auch wenn sie immer wieder mit der Realität zusammenstoßen werden und mitunter zu Enttäuschungen und Schmerzen fügen mögen. Sie sind es aber bekanntermaßen nicht – und deshalb tut es gut, daran erinnert zu werden. Es kann ja immer noch jeder und jede seinen / ihren Weg zwischen den Grundrechten und der „sozialen Verträglichkeit“ suchen. Ich denke, so hat es auch Schaffer gemeint.

Fazit: Schaffer bringt vieles auf den Punkt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Schön, dass er uns auf diese Weise einen Spiegel vorhält und zu mehr „Selbst-Bewusstheit“ ermuntert.

© 2015 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 04.03.15

Ulrich Schaffer, Grundrechte. Ein Manifest. Freiburg 2013 (4. Auflage von 2009, überarbeitete Neuausgabe von 1988), 115 Seiten

Bei amazon bestellen …
(Partner-Link, kleine Umsatzbeteiligung für mich)